Deutsche Stiftung Meeresschutz (DSM) / Aktuelles
Unechte Karettschildkröten auf Boa Vista: erfolgreiche Eindämmung der Wildererei
Veröffentlicht am 11. Dezember 2025 von Redaktion DSM
Beim Schutz von Unechten Karettschildkröten (Caretta caretta) auf der zu den Kapverden gehörenden Insel Boa Vista setzt dieses Projekt bei der Wildereibekämpfung auf eine kluge Kombination moderner mit althergebrachten Strategien. Eingesetzt werden einheimische Ranger, Volontäre, Nachtsichtdrohnen, Nachtsichtgeräte, Ferngläser mit Wärmebildtechnik und speziell ausgebildete Artenschutzhunde. Mit diesem innovativen Ansatz im Wildtierschutz gelang es, die Wilderei erfolgreich zurückzudrängen. Seit Projektbeginn sank sie auf weniger als 0,2% der jährlichen Nistpopulation. Entscheidend für den Erfolg sind das ausgeklügelte Zusammenspiel aller Projektbeteiligten und die Einbeziehung lokaler Polizeikräfte.
Fakten zum Projekt
Projektname
Schutz von Niststränden der Unechten Karettschildkröte
Projektregion
Kapverdische Inseln mit Schwerpunkt Boa Vista
Laufzeit
Seit September 2022/unbegrenzt
Partnerorganisation
Turtle Foundation [1]
Beitrag zu den UN-Nachhaltigkeitszielen (SDGs):
SDG 1, SDG 4, SDG 14, SDG 15
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Die Kapverdischen Inseln im Atlantik sind nach Oman und Florida der
drittgrößte Nistplatz für Unechte Karettschildkröten. An den Stränden
von Boa Vista graben jährlich zwischen 5.000 und 30.000 weibliche
Schildkröten ihre Nester zur Eiablage.
Auf der Roten Liste [2] der Weltnaturschutzunion IUCN ist Caretta
caretta als gefährdet eingestuft. Die Kapverden-Nistpopulation des
Nordatlantiks zählt zu den elf am stärksten bedrohten
Meeresschildkröten-Populationen und gilt als stark gefährdet.
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• Bei Patrouillen erfassten Ranger und Volontäre zwischen Juni und Oktober 2025 über 9.500 Nester auf den von ihnen kontrollierten Stränden. Auch wenn die Auswertungen zum Jahresende noch nicht abgeschlossen waren, wird die diesjährige Zahl von Schildkrötennestern bei Weitem nicht das Niveau des Vorjahres (19.188) erreichen. Die Ursachen für diese auf Boa Vista nicht unüblichen Schwankungen sind ungeklärt.
• Zusätzlich wurden 205 Nester in die Hatchery (Aufzuchtstation) des Projekts umsiedelt. Dies geschieht immer dann, wenn Nester zu nah an der Uferlinie liegen oder durch Überschwemmung gefährdet sind. Auch Nester, die sich direkt vor dem am Strand Lacacao gebauten Hotel Riu Touareg, im Süden Boa Vistas, befinden, gelten als stark gefährdet. Aufgrund der beträchtlichen Lichtverschmutzung durch das Hotel würden alle Jungtiere nach dem Schlupf in die falsche Richtung krabbeln und sterben. Nach Möglichkeit soll der natürliche Nistprozess allerdings ungestört bleiben.
• Aus den in der Hatchery ausgebrüteten Eiern schlüpften schließlich 13.000 kleine Schildkröten. Alle erreichten gesichert das Meer. Das entspricht einem Schlupferfolg von über 80%.
• Dank der kontinuierlichen Patrouillen gelang es, 47 in Not geratene Schildkröten zu retten. Die Tiere steckten entweder in Felsspalten oder anderen Hindernissen fest oder hatten in den unübersichtlichen Dünen die Orientierung verloren. Meist sind diese Weibchen für den Arterhalt verloren, da sie ohne schnelle Hilfe an Austrocknung oder Überhitzung sterben.
• Wie im Vorjahr starben sechs Schildkröten durch Wilderer.
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Etwa zwei Drittel der auf den Kapverden nistenden Unechten
Karettschildkröten zieht es auf die Insel Boa Vista. Jedes Jahr
zwischen Juni und Oktober kommen die Weibchen in großer Zahl nachts an
die Strände, um Nester zu graben und ihre Eier abzulegen.
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Seit 1987 stehen Meeresschildkröten auf den Kapverden unter Schutz. Dennoch ging die seitdem als Wilderei geltende Jagd dadurch nur unwesentlich zurück.
Die Nutzung der Meeresreptilien zur Nahrungsversorgung war tief in der ländlichen Bevölkerung verwurzelt.
Allein 2007 starben an den Stränden von Boa Vista etwa 1.200 Weibchen. Die meisten von ihnen, bevor sie ihre Eier legen konnten.
2008 rief die Turtle Foundation dann ein umfassendes Projekt zum Schutz dieses bedeutenden Nistplatzes ins Leben.
Zu Beginn jeder Nistsaison errichtet das Turtle-Foundation-Team an strategisch günstigen Stellen fünf Feldstationen. Über die gesamte Nistzeit sind dort von Juni bis Oktober Ranger und Volontäre untergebracht. Sie patrouillieren rund 30 Kilometer der insgesamt 65 km umfassenden Niststrände.
Im Jahr 2025 kamen auf Boa Vista 48 einheimische Ranger und 35 Freiwillige zum Einsatz.
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Als flankierende Maßnahmen finden ein intensives Begleitprogramm
vorwiegend in den Bereichen Entwicklungszusammenarbeit, Umweltbildung
und Öffentlichkeitsarbeit statt. Damit fördert das Projekt die
Nachhaltigkeit der direkten Schutzmaßnahmen.
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Mithilfe der konventionellen Strandpatrouillen von Rangern und Volontären ging die Wilderei von nistenden Schildkrötenweibchen deutlich zurück.
Trotzdem gab es seit 2015 wieder verstärkte Wilderei-Aktivitäten, diese wurden auch aggressiver. Denn es locken finanzielle Anreize. Dank verbesserter Ausrüstung und anderer "Strategien" konnten die Wilderer den Ranger-Patrouillen immer wieder ausweichen. Es gelang ihnen, viele Schildkröten zu töten.
Mittlerweile gilt Schildkrötenfleisch auf den Kapverden als teure Delikatesse. Dies führte dazu, dass bis 2017 in einigen Gebieten fast 5% aller nistenden Weibchen sterben mussten. Um dies in den Griff zu bekommen, wurden die Maßnahmen zur Wildereibekämpfung in enger Zusammenarbeit mit der lokalen Naturschutzbehörde und der Polizei erweitert. Zum Einsatz kommen jetzt moderne Nachtsichttechnik, Funkgeräte, Drohnen sowie Ferngläser mit Wärmebildtechnik. Auf den Kapverden stürzen Schildkröten in Felsspalten oder verirren sich auf dem Weg zurück ins Meer. Diese Tiere werden gerettet.
Seit 2023 lokalisiert ein Drohnenpilot verirrte oder in Felsspalten festsitzende Schildkröten. Besonders kritische Strände werden täglich kontrolliert.
Doch mit Technik allein kam man den Wilderern nicht vollständig bei. Deshalb setzt das Projekt seit 2022 zusätzlich auf die Spürnasen speziell ausgebildeter Artenschutzhunde. Damit eröffneten sich neue Dimensionen in der Wildereibekämpfung. Zur besseren Abschreckung arbeitet das Ranger-Team dabei mit aufeinander abgestimmten Einsatzkonzepten und -strategien.
Da die Schildkrötenweibchen stets nachts zur Eiablage an die Strände kommen, finden auch die Patrouillen nachts statt. Und das täglich an zufällig ausgewählten Stränden. Schwerpunktmäßig sind Strände mit hohem Wilderei-Risiko im Norden und Osten der Insel. Häufig begleiten Polizeibeamte die Ranger.
Mit ihren feinen Nasen und Ohren spüren die Artenschutzhunde während der Strandpatrouillen zielsicher Personen auf, die an den Niststränden nichts zu suchen haben. Zudem sind sie auf Schildkrötenfleisch trainiert. Ihnen entgehen keine auch noch so gut versteckten und getarnten Überreste getöteter Meeresschildkröten. Auf diese Weise entdeckten die Ranger einige ihnen vorher nicht bekannte Wilderei-Hotspots.
Überdies nehmen die Hunde die Fährten der Täter anhand von Geruchsproben auf, denn oft hinterlassen sie Stoffreste und Seile am Tatort.
Das mobile Hunde- und Drohnenteam ist auch auf den Niststränden im Osten der Insel im Einsatz. Dann gemeinsam mit Rangern von Bios.CV und Natura 2000, zwei weiteren auf Boa Vista arbeitenden Projekten.
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Wie jedes Jahr führte das Projekt 2025 Strandreinigungen durch. Bei
den zwölf Aktionen machten 208 Menschen mit und sammelten rund 16
Tonnen Müll. Damit konnten über 600 m bei Schildkröten beliebter
Strandabschnitte zumindest vorübergehend von Abfall befreit werden.
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Das kann entscheidend sein. Verschmutzte Strände erschweren den Weibchen das Nisten und den Schlüpflingen den Weg ins Meer. Eine dauerhafte Lösung für das Müllproblem bieten Strandreinigungen nicht. Dennoch müssen sie immer wieder stattfinden. Wind und Wellen sorgen dafür, dass ständig neuer Müll angespült wird. Die Strände von Boa Vista leiden unter einem massiven Müllaufkommen.
Zwischen April 2023 und Anfang 2025 wurden auf 70 km der wichtigsten Niststrände von Boa Vista über 1.000 Überreste von Schildkröten dokumentiert und entfernt. Damit konnten vergangene Wildereifälle systematisch erfasst und kartiert werden. Außerdem gelang es so, die Strände von Kadavern zu säubern.
Das Bone Removal Project fand mit Zustimmung der Umweltbehörde statt. Es ermöglicht künftig eine präzisere Identifikation und Prognose neuer Wildereifälle. Denn es stellte sich heraus, dass das Ausmaß der Wilderei in einigen Gebieten im Nordosten und Süden von Boa Vista bislang unterschätzt worden war.
Die gesammelten Daten sind nun Grundlage für eine verstärkte Überwachung in den Wilderei-Hochrisikozonen.
Mit ihren rund 200 Millionen und mehr Geruchsrezeptoren (zum Vergleich: Der Mensch besitzt rund sechs Millionen) sind Hunde gefragte Mitarbeiter in etlichen Bereichen des Natur- und Artenschutzes. Am bekanntesten dürften Zollhunde sein, die in den Koffern von Reisenden illegal eingeführte geschützte Arten, wie Korallen oder Seepferdchen [3], ausfindig machen.
Trainierte Suchhunde entdecken auch bestimmte Pflanzen- oder Tierarten oder Kot von Orcas im Meerwasser.[4]
Kelo
Als erfahrener Begleiter des Teams leistet der ruhige und freundliche
Kelo wichtige Unterstützung - auch wenn er altersbedingt nur noch
eingeschränkt eingesetzt werden kann.
Wegen seines freundlichen und geduldigen Wesens kommt Kelo jetzt
hauptsächlich im Training sowie bei Bildungsaktivitäten wie
Schulbesuchen zum Einsatz.
Karetta
Karetta mit João "Djola" José Mendes de Oliveira.
Sie steht Kelo in der Objektsuche wie auch im Mantrailing in nichts
nach, kann aber aufgrund ihrer misstrauischen Einstellung zu Fremden
nicht für die Öffentlichkeitsarbeit mit Kindern eingesetzt werden. Zu
ihrem Hundeführer hat sie jedoch großes Vertrauen und arbeitet mit
Freude.
Olivia
Seit Anfang 2025 trainieren Marcel Maierhofer und seine Frau Ursula -
ebenfalls eine erfahrene Hundetrainerin - Labradorhündin Olivia als
Nachfolgerin ihres Onkels Kelo für den Einsatz auf Boa Vista.
Olivias neuer Hundeführer ist Carlos Monteiro, der bereits mit Kelo
arbeitet. Bis Olivia einsatzbereit ist, wird es zwar noch etwas
dauern, doch sie zeigt vielversprechende Anlagen für ihre zukünftigen
Aufgaben.
Zedda
Heimliche Chefin der Artenschutzhunde auf Boa Vista ist Zedda.
Zedda war bereits erwachsen, als sie zum Hundeteam kam. Bis dahin
lebte sie selbstständig auf der Insel. Daher verfügt sie nicht über
den Grundgehorsam, der für die Einsatzreife erforderlich ist. Im
Zweifel entscheidet Zedda immer selbst, was sie gerade tun möchte -
arbeiten oder doch lieber Krabben jagen.
Dennoch ist sie ein wertvolles Mitglied des Teams, weil sie auch
Anfängerfehler von Hundeführern verzeiht. Seit 2023 ist Délvis
Rodrigues ihr Hundeführer.
Neben der Unechten Karettschildkröte [5] (Caretta caretta) trifft man in den Gewässern der Kapverdischen Inseln auf vier weitere Schildkrötenarten. Allerdings kommen sie nicht regelmäßig an die Strände, um Nester zu graben.
UN-Nachhaltigkeitsziele des Projekts
UN-Nachhaltigkeitsziel 1: Keine-Armut.
UN-Nachhaltigkeitsziel 4 Qualität in der Bildung.
UN-Nachhaltigkeitsziel 14 Leben unter Wasser.
UN-Nachhaltigkeitsziel 15 Leben an Land.
Nach Informationen von Turtle Foundation
Alle Fotos so weit nicht anders angegeben: © Turtle
Foundation
Update: überarbeiteter und mit neuem Datum veröffentlichter
Beitrag
Anmerkungen:
[1] https://www.turtle-foundation.org/
[2] https://www.iucnredlist.org/species/3897/119333622
[3] https://www.stiftung-meeresschutz.org/meerestiere/kleine-meerestiere-grosses-leid/
[4] https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/artenschutz/spuernase-hilft-orcas/
[5] https://www.stiftung-meeresschutz.org/meerestiere/unechte-karettschildkroete/
[6] https://www.stiftung-meeresschutz.org/meerestiere/gruene-meeresschildkroete/
[7] https://www.stiftung-
meeresschutz.org/meerestiere/lederschildkroete/
[8] https://www.stiftung-meeresschutz.org/meerestiere/oliv-bastardschildkroete/
[9] https://www.stiftung-meeresschutz.org/meerestiere/echte-karettschildkroete/
Originalbeitrag mit Bildern:
https://www.stiftung-meeresschutz.org/projekte/meeresschildkroeten/meeresschildkroeten-schutzprojekt-auf-boa-vista/
*
Quelle:
Aktuelles - 11. Dezember 2025
Deutsche Stiftung Meeresschutz (DSM)
41460 Neuss
E-Mail: info[AT]stiftung-meeresschutz.org
Internet: https://www.stiftung-meeresschutz.org
veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 9. Januar 2026
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