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Schattenblick → INFOPOOL → RELIGION → CHRISTENTUM BERICHT/292: Von der Macht des Gesangs (Junge.Kirche)Junge.Kirche 1/2009 Von der Macht des Gesangs Von Martin Heider Das war schön! Diesen Satz bekomme ich oft zu hören, wenn ich mit Gruppen singe. Nein, ich meine nicht Chöre, sondern einfach Menschen, denen ich angeboten habe, mit ihnen zu singen. Neue Lieder und alte, Klänge, die sich aufbauen, geistliche Texte und weltliche, Evergreens, Choräle, was auch immer. Ich singe gern, und das scheint ungewöhnlich zu werden, zumal ich ein Mann bin. Schade, Singen macht mir zu mehreren mehr Spaß. Natürlich habe ich in Chören gesungen. Es ließ sich immer einer finden, bei dem jede Probe Freude machte. Treffpunkt singfreudiger Menschen sind sie ja allemal. War der Chor konzertant, so bekam er Beifall bei Aufführungen, immer. Das gehört sich so, und oft war er hoffentlich auch verdient. Begeisterter sind aber nicht die Zuhörenden, sondern die, die selbst singen. Immer. Singen bewegt Geist und Körper. Das wird und wurde verschiedentlich genutzt, von den Gesängen bei schwerer Arbeit oder in der Meditation, in der Musiktherapie, in Form von Schlachtengesängen, Klagerufen, Jubel. Manchmal fängt man mit Menschen, die angeblich nicht singen können und womöglich auch nicht wollen, erst einmal mit Summen an, oder Stöhnen. Geben Sie mal einen Laut von sich, lassen Sie von sich hören. Lauter! Danke. Eine indische Yoga-Lehrerin sagte neulich im Fernsehen: ... und für das spirituelle Wohl singen wir. Da war kein Liedgut gemeint, sondern das "Tönen", die Produktion eines einzigen, langen Tons. Für das spirituelle Wohl! In allen mir bekannten Religionen gibt es Gesang, in wenigen wird in den Versammlungen nicht oder nur von bestimmten Leuten gesungen, dann aber bestimmt von allen zuhause. Singen ist eben auch intim und persönlich, und nicht gleich öffentlich. Es geht überall, aber am besten in großen Räumen. Wenn ich eine Kirche besichtige, belausche ich sie darum auch. Akustik interessiert mich, und eine Tonquelle trage ich ja mit mir herum. Am sichersten fühle ich mich dabei, wenn ich allein bin doch wann hat man eine Kirche, zumal eine bekannte Sehenswürdigkeit, zur eigenen freien Verfügung? Trotzdem kann ich es manchmal nicht lassen, unter einem niedrigen Gewölbe oder in einer Nische etwas zu summen und auf den Raum zu hören. Sie ahnen, was dann passiert. In der Gegenwart eines Sonderlings werden Menschen still und vorsichtig. Neugierig robben manche heran. Leise weiter singend, versuche ich gemessenen Schrittes zu entfliehen. Wir bilden eine kleine Prozession, eine Verfolgungsjagd in Zeitlupe. Sie bricht ab, wenn die Tonquelle versiegt. Manche wechseln dann unauffällig die Wegführung, andere lächeln oder zwinkern mir zu. Aber auch da sagen Menschen Dinge über die Schönheit des Klangs oder über die Macht des Gesangs, die sie gerade erfahren haben. Kein Wunder: die alten Kirchen sind ja zum Singen erbaut worden. Lesungen und Gebete, Psalmen und Liturgie wurden gesungen, mangels Verstärkeranlagen. Töne tragen das Wort ja viel weiter, als es von alleine käme. Das gilt aber nicht nur akustisch, sondern auch übertragen. Der Hymnus wurde erfunden, und später viele andere Typen des Gemeindegesangs. Luther z. B. nutzte die Singfreudigkeit des Alltags auch in der Kirche. Sein erstes Lied, ein so genanntes "Zeitungslied" über die Märtyrer von Brüssel, verbreitete Nachrichten über die sich ausbreitende Reformation. So kam er dazu, in der Folge auch neue geistliche Lieder zu schreiben. Sie gingen von Mund zu Mund und Stadt zu Stadt und hielten Einzug in die Häuser. In manchen Kirchen wurden unliebsame Prediger von den Kanzeln gesungen. Es gab immer noch keine Verstärkeranlagen. So war das geistliche Lied nicht nur Kirchenlied. Es war Lebensbegleiter in allen Lagen, gesungenes Bekenntnis, vertonter Katechismus vielleicht auch. Beliebt aber waren und sind vor allem Lieder, die man sich zu Eigen machen kann, die klingendes Gebet, Zuspruch und Trost sind. Wie in den Psalmen - sehr alten Liedern - verschmelzen Klage und Lob, Vergangenheit und Zukunft, Zeit und Ewigkeit. Der singende Mensch hat spürbaren Anteil am Göttlichen. Singen ist spirituelles Wohl. Hier verlassen wir das geistliche Lied wieder, und mit uns eine Mehrheit der Singenden und fast die Gesamtheit der nicht Singenden. Ich finde das schade, denn mir liegt halt an beidem, der Musik und dem Glauben, die mich auf je ihre Weise erfüllen. Wo Klang den Raum um mich herum füllte, wuchs auch in mir Raum. Erst da war Ausblick auf Befreiung, Versöhnung, Erfüllung möglich. Meine Seele wurde bereit, Gott zu loben. Oder, wie das Hebräische sagt: meine Kehle. Darin liegt kein wesentlicher Unterschied. Darum darf die Kirche die Macht des Gesangs auch nicht einfach aufgeben. Singen strahlt nach außen und innen aus, auf den Sänger, die Sängerin, und zugleich auf die Hörerin, den Hörer. Es gibt eine Kraft in der gesungenen Liturgie, selbst wenn sie theologisch womöglich verzichtbar sein sollte. Und es gibt einen Wert des Gemeindegesangs, in dem die einzelne Stimme sich mit anderen vereint und dem Klang Gottes nähert, in dem Wort und Ton zu einer Einheit werden, zu existenziellem Gebet und Bekenntnis des ganzen Menschen. Martin Heider, Pfarrer und Musiker Inhaltsverzeichnis - Junge.Kirche 1/2009 Focus: Kirchenmusik Zwischenruf Forum Sozialgeschichtliche Bibelauslegung Predigt Geh hin und lerne! Buchseiten, Veranstaltungen Quelle: Die Junge Kirche erscheint viermal im Jahr. veröffentlicht im Schattenblick zum 16. Oktober 2009 |