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PRESSE/812: "Westliche Nonnen können nicht länger warten" (Tibet und Buddhismus)


Tibet und Buddhismus Nr. 92, 1/2010,
Vierteljahresheft des Tibetischen Zentrums e.V. Hamburg

"Westliche Nonnen können nicht länger warten"
Interview mit Bhiksuni Jampa Tsedroen (Carola Roloff)

Von Monika Deimann-Clemens


Carola Roloff, 1959 geboren, erhielt 1981 die Noviz-Ordination und 1985 die volle Ordination. Seit den 80er Jahren engagiert sie sich für die Gleichstellung der buddhistischen Nonnen. Auf Bitten des Dalai Lama gründete sie 2005 das Komitee westlicher Nonnen. Nach Abschluss ihrer Promotion wird sie sich jetzt einem Forschungsprojekt zur Nonnenordination im tibetischen Vinaya widmen.

FRAGE: Warum geht es in der tibetischen Tradition nicht wirklich voran mit der Einführung der vollen Ordination?

ANTWORT: S.H. der Dalai Lama hatte 2007 in Hamburg eine weitere Konferenz mit 100 führenden München und Nonnen aller Traditionen vorgeschlagen, die von tibetischer Seite finanziert werden sollte. Sie hat bis jetzt nicht stattgefunden. Tibeter wollen sich erst untereinander einigen. Westliche Nonnen und Mönche, die den tibetischen Buddhismus praktizieren, werden nicht einbezogen.

Dieses Vorgehen ist einerseits verständlich, denn der tibetische Buddhismus hat seinen Ursprung in Tibet. Doch er verbreitete sich von dort aus in viele Länder, so auch in den Westen. Deshalb haben Entscheidungen im tibetischen Kulturraum auch Einfluss auf die Entwicklung hier bei uns. Ich befürchte, dass viele Mönche in den Exil-Klöstern sich über die Tragweite ihrer Haltung nicht klar sind.

Die Oberhäupter der tibetischen Traditionen waren sich Ende April 2008 in Dharamsala einig, dass sie die volle Ordination wollen. Die Frage ist, wie das geschehen kann. Zuvor hatten 1 6 Mönche auf einem "Vinaya-Seminar" eine Ordination durch Mönche und Nonnen aus zwei verschiedenen Vinaya-Schulen abgelehnt, eine Ordination in der Dharmagupta-Tradition dagegen nicht. Auch eine Ordination allein durch tibetische Mönche fand keinen Konsens. Die acht Vertreter der Nyingma- und Kagyü-Tradition stimmten dafür, sieben der Sakya- und Gelug-Tradition dagegen.

Westliche Nonnen wollen und können nicht länger warten. So hat die Ehrw. Thubten Chodron (USA) entschieden, in ihrem Kloster Sravasti Abbey ihre Schülerinnen und Schüler nach dem Dharmagupta-Vinaya zu ordinieren, also auch die Mönche. Denn für das Ritual der vollen Ordination von Nonnen braucht man Mönche, nach derzeitigem tibetischen Standpunkt ist eine Mischung der Traditionen nicht zulässig.

Einige Experten der Theravada- und Dharmagupta-Tradition sehen das liberaler. Und auch S.H. der Dalai Lama sagte 1987 in einem Interview: "Wenn nach und nach in der tibetischen Gemeinschaft die erforderliche Anzahl von Bhiksunis das Gelübde der chinesischen Überlieferung besitzen, kann es von den Tibetern selbst verbreitet werden."

FRAGE: Welches sind die Argumente der "Widerständler"?

ANTWORT: Typische Argumente sind: Der Buddha hätte keine Nonnen gewollt und habe Mahaprajapati und ihre 500 Begleiterinnen nur ordiniert, weil sein Lieblingsschüler Ananda ihn dazu gedrängt hätte. Weiter wird angeführt, dass es heute viel mehr Verblendungen gebe als zu Buddhas Zeiten, und zudem die Gefahr bestünde, dass vollordinierte Nonnen das zölibatäre Leben der Mönche gefährden. Weiter führen konservative Mönche an, die Linie der Nonnen sei nie nach Tibet überliefert worden und man dürfe die tibetische Linie nicht mit anderen Linien mischen. Eine Ordination allein durch Mönche sei zu Buddhas Zeit zwar erlaubt gewesen, aber heute nicht mehr zulässig. Nur der nächste Buddha könne Frauen ordinieren.

Jedes einzelne dieser Argumente ist leicht widerlegbar, trotzdem übernehmen viele Buddhistinnen und Buddhisten diese Argumente ungeprüft. Obwohl ihnen eigentlich die Augen aufgehen müssten, wenn sie sehen, dass S.H. der Dalai Lama und andere führende Würdenträger wie Gyalwa Karmapa, S.H. Sakya Trizin, Drikung Chetsang Rinpoche und Drukchen Rinpoche die Nonnenordination befürworten.

Nach rund 20 Jahren Ausbildungsprogrammen für tibetische Novizinnen müssen wir feststellen, dass sie nicht nur das Wissen, sondern leider auch einige Vorurteile ihrer Lehrer übernommen haben. Manche Mönche behaupten, die Tibeterinnen seien seit 1000 Jahren glücklich mit ihrer Ordination als Novizinnen. Außerdem sei das Bodhisattva-Gelübde wichtiger, was scheinbar für Mönche nicht gilt.

Ich möchte noch einen weiteren Punkt ansprechen: Ist das Streben nach voller Ordination für Frauen wirklich nur eine rein religiöse Angelegenheit? Gelten die Menschenrechte nicht auch im Bereich der Religion?

Erfreulich ist, dass sich zunehmend Mitglieder der tibetischen Frauenorganisationen für die Probleme der Nonnen interessieren und sie unterstützen möchten. Auch in buddhistischen Zentren hat sich das Interesse am Thema verstärkt.

FRAGE: Welche Rolle nimmt S.H. der Dalai Lama ein, welche Möglichkeiten hat er?

ANTWORT: S.H. der Dalai Lama hat sich beim Nonnenkongress als "Feminist" bezeichnet. Verfolgt man seine Beiträge zum Thema, bleibt kein Zweifel daran, dass er die vier Gemeinschaften - Bhiksus, Bhiksunis, Upasakas und Upasikas - für wichtig hält, damit der Buddhismus authentisch ist. Er möchte den tibetischen Buddhismus in diesem Punkt vervollständigen - und zwar auf solider Basis, vorzugsweise durch ein weltweites Konzil, so dass die Ordination der Frauen in Zukunft nicht wieder in Frage gestellt werden kann.

Das letzte gemeinsame Konzil aller Traditionen fand allerdings vor mehr als 2000 Jahren in Indien statt. Besser scheint es zu sein, die Dinge einfach zu tun. S.H. der Dalai Lama meinte bereits 1987: "In erster Linie hängt die religiöse Praxis von der eigenen Initiative ab. Ob nun die volle Ordination offiziell anerkannt wird oder nicht, so ist doch auf alle Fälle eine Art von gesellschaftlicher Anerkennung vorhanden, was äußerst wichtig ist."

FRAGE: Man könnte den Eindruck bekommen, der Wunsch nach voller Ordination käme nur von seiten der westlichen Nonnen. Wie stehen die asiatischen Noviz-Nonnen dazu?

ANTWORT: In Ländern wie Sri Lanka und Thailand zeigt sich: Je demokratischer das Land ist und je mehr Bildung die Frauen haben, desto stärker lehnen sie sich gegen bestehende Ungerechtigkeit auf. Ich denke, dass bei den Tibetern im Exil die Angst, die eigene Kultur und Religion völlig zu verlieren, dazu führt, dass man sich von modernen Entwicklungen abkoppelt.

Eine taiwanesische Chan-Meisterin sagte kürzlich: "Wir sind ein Bhiksuni-Sangha" und schrieb drei Worte an die Tafel, während sie erläuterte. "Das erste Wort ist 'Bhiksuni', das zweite 'Sangha', das dritte ,Himmel oder Raum', gemeint ist der Himmel oder Raum der Bhiksunis. Wo ist dein Raum? In welchen Raum kannst Du Dich hineinbewegen, hineinwachsen? Der Raum hat keine Grenzen. Es gibt keine Mauer im Raum, die uns aufhält. Als Praktizierende sollte es Teil unserer Überlegungen sein, uns zu fragen: 'Was hindert mich? Was ist es, das euch dabei stört, euren Geist in den Raum auszudehnen?'

FRAGE: Wie sind die Schritte der Ehrw. Thubten Chodron in den USA und Bhikkhu Sujatos zusammen mit Ajahn Brahm in Australien zu bewerten, die jetzt im Alleingang Westler ordinieren?

ANTWORT: Sie tun es nicht "im Alleingang", sondern, wie im Vinaya vorgeschrieben, mit der nötigen Anzahl qualifizierter Mönche und Nonnen. Im Fall dieser beiden habe ich trotz der kontroversen Diskussionen keinen Zweifel, dass sie das Richtige tun. Beide sind überzeugte Anhänger ihrer jeweiligen Tradition. Sie stützen sich auf den Dharma, den Vinaya und den gesunden Menschenverstand und weniger auf traditionell vorherrschende Meinungen. Bei den Ordinationen halten sie sich strikt an den Vinaya, aber nicht unbedingt an die Auslegung entsprechend späterer Kommentare, sondern an den Kanon selbst. Gleichzeitig beziehen sie historische und sprachwissenschaftliche Erkenntnisse, also Errungenschaften unserer westlichen Kultur mit ein. Ebenso unser soziales Umfeld, das auf demokratischen Prinzipien beruht und gleiche Möglichkeiten für Frauen als selbstverständlich ansieht.

Hier entsteht etwas Neues, ein erster Ansatz für einen westlichen Buddhismus. Wir sind an einem Punkt, wo auch für den Buddhismus in Europa Weichen gestellt werden. Das ist eine große Verantwortung. Halten wir Klöster weiterhin für sinnvoll und falls ja, sollten sie dann wie zu Buddhas Zeiten Männern wie Frauen gleichermaßen offenstehen? Ich denke, dass wir so handeln müssen, dass es der Lehre des Buddha und unserem Gewissen am meisten entspricht, auch auf die Gefahr hin, dass wir uns damit unbeliebt machen und Anfeindungen in der Tradition ausgesetzt sind.

FRAGE: Die Ausbildungsmöglichkeiten für Nonnen sind verbessert worden. Einige tibetische Nonnen haben die Geshe-Prüfung abgelegt. Können sie auch einen Titel "Geshe-ma" erwerben?

ANTWORT: In den letzten vier Jahren haben mehrere Noviz-Nonnen in Indien ihre Geshe-Ausbildung abgeschlossen, einen Geshe-Titel haben sie nicht bekommen. Zum Geshe-Studium gehört das komplette Studium des Vinaya. Dieses darf man traditionell aber nur dann machen, wenn man die volle Ordination hat. Da sie diese nicht haben, meinen einige Gegner, dass die Nonnen deshalb keinen Geshe-Titel erhalten können.

In der Gelug-Prüfungsordnung soll stehen, dass jeder, der die Qualifikation hat, egal ob Mann oder Frau, ordiniert oder nicht ordiniert, die Prüfung zu einem Geshe Lharampa ablegen kann, also den höchsten akademischen Grad in buddhistischen Studien. Ich konnte das leider nicht überprüfen. Das Dokument scheint verschollen zu sein....

FRAGE: Worin sehen Sie selbst in der nächsten Zeit ihre Rolle, um den Ordinationsprozess voranzubringen? Wie kann dieser Prozess unterstützt werden?

ANTWORT: Der Dalai Lama hat mich 2005 gebeten, ein Komitee westlicher Nonnen zu gründen, das sich für die Wiederbelebung der Nonnengelübde im tibetischen Buddhismus einsetzt. Meine Aufgabe ist z. Zt. die Koordination dieses Komitees. Die Nonnen treffen sich ein bis zweimal pro Jahr, das nächste Mal im Dezember in Vietnam bei der 11. Internationalen Sakyadhita-Konferenz buddhistischer Frauen.

Zur Zeit bereiten wir eine Aufklärungskampagne vor, die auf tibetische Gelehrte ausgerichtet ist, welche die Ordensregeln (Vinaya) in den religiösen Kollegs unterrichten, aber auch auf Nonnen, Mönche und die tibetische Öffentlichkeit allgemein. Wir wollen Informationsmaterial in tibetischer Sprache erstellen, in dem deutlich gemacht wird, warum es gerechtfertigt ist, buddhistischen Nonnen in der tibetischen Tradition die Möglichkeit zur vollen Ordination einzuräumen. Dieses Material wird in der tibetischen Exilgemeinde, besonders in Indien und Nepal verteilt werden. Vier Broschüren sind geplant, außerdem ein weiteres Treffen im August 2010. Für finanzielle Unterstützung sind wir dankbar. Des Weiteren ist es wichtig, dass westliche Buddhisten und Buddhistinnen ihren Lehrern gegenüber immer wieder deutlich machen, wie wichtig die Klärung dieser Frage für die Verbreitung und Anerkennung des Buddhismus im Westen ist.


"Seit vielen Jahren bemühen wir uns, die volle Ordination von Nonnen wieder einzuführen. Dies ist keine Bedrohung, sondern ein Dienst am Buddhadharma, der seinen Fortbestand gewährt. Der Buddha hat gelehrt, dass ein sogenanntes "zentrales Land" der Buddha-Lehre nur dort besteht, wo es die vier Gemeinschaften von Bhiksus, Bhiksunis, Laienschülern und Laienschülerinnen gibt.

Ohne die vollordinierten Nonnen kann man Tibet nicht als buddhistisches Land bezeichnen. Deshalb ist es wichtig, dass wir diese Tradition wieder einführen.

S.H. der Dalai Lama im Juli 2009 in Frankfurt


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Quelle:
Tibet und Buddhismus Nr. 92, 1/2010, S. 19-21
Herausgeber:
Tibetisches Zentrum e.V.
Hermann-Balk-Straße 106, 22147 Hamburg
Tel.: 040/644 35 85, Fax: 040/644 35 15
E-mail: tz@tibet.de
Internet: www.tibet.de

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veröffentlicht im Schattenblick zum 15. Januar 2010