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Schattenblick → INFOPOOL → RELIGION → BUDDHISMUS PRESSE/777: Wirtschaftswissenschaften und Buddhismus (Tibet und Buddhismus)Tibet und Buddhismus Nr. 90, 3/2009 Wirtschaftswissenschaften und Buddhismus: Von Siegfried Berninghaus Wie kann man als Buddhist Wirtschaftswissenschaften unterrichten, in denen Gewinnmaximierung und Kosteneinsparung oberste Priorität haben? Siegfried Berninghaus ist Buddhist und Professor für Volkswirtschaftslehre. Er schildert wie er sich über viele Jahre in diesem Spannungsfeld bewegt hat. Die Wirtschaftswissenschaften sehen den Eigennutz als Grundlage für wirtschaftliches Verhalten und ökonomischen Fortschritt an. Egoistisches Verhalten des Einzelnen, so die ökonomische Theorie, bringe den größtmöglichen Nutzen für die Allgemeinheit. Seit Adam Smith versucht die klassische Wirtschaftswissenschaft diesen Sachverhalt durch die Konstruktion diverser mathematischer Modelle sogar zu beweisen. So entwarf sie das Bild des homo oeconomicus als Vorbild eines Menschen, der, quasi ohne Mitgefühl, Entscheidungen nur nach dem eigenen ökonomischen Vorteil trifft, der sich in messbaren Geldeinheiten zählen lässt. Das Leitbild des homo oeconomicus ist jedoch in den letzten Jahren durch ökonomische Laborexperimente stark erschüttert worden. In hunderten Experimenten hat sich herausgestellt, dass Altruismus und kooperatives Verhalten eine große Rolle im Entscheidungsprozess des Menschen spielen. So hat man beispielsweise in sog. "Ultimatum-Spielen" herausgefunden, dass Versuchspersonen, die einen bestimmten Geldbetrag erhalten, bereit sind, etwa ein Drittel davon an eine andere Versuchsperson weiterzugeben, die sogar die Möglichkeit hätte, das Geld abzulehnen. Früher ging man davon aus, dass rationale Geber nur die geringstmögliche Geldeinheit weitergeben und dass ein rationaler Empfänger nimmt, was immer ihm angeboten wird. Ähnliche Ergebnisse brachten sog. "Experimentelle Vertrauensspiele". Hier konnte ein Investor einen bestimmten Geldbetrag entweder für sich selbst behalten oder an einen Anleger weitergeben, der die daraus erzielten Zinsen für sich behalten oder aber Teile davon an den Investor zurückgeben konnte. Auch hier zeigte sich, dass die Anleger-Versuchspersonen bereit waren, mehr Geld freiwillig zurückzugeben, als es die klassische Spieltheorie prognostizieren würde. Versuchspersonen ließen menschliche Erwägungen wie Fairness einfließen und versuchten gerade nicht, eine Machtposition ökonomisch auszunützen. In letzter Zeit hat man diese Experimente ausgeweitet. In neuro-ökonomischen Experimenten werden die Auswirkungen von Entscheidungen der Versuchspersonen auf ihre Gehirnaktivität in speziellen Hirnregionen sichtbar gemacht. Bei bestimmten ökonomischen Entscheidungen werden Regionen des Gehirns aktiviert, die eindeutig dem Bereich der Emotion und nicht der Ratio zuzuordnen sind. Beim Ultimatum-Spiel z.B. war bei den Empfänger-Versuchspersonen eine starke Erregung der Amygdala, einem starken Emotionszentrum, zu verzeichnen, wenn die Geber einen "zu geringen" Betrag weitergaben. Die meisten Ökonomen lehnen die experimentelle Methode als unwissenschaftlich ab. Sie führen zum Beispiel ins Feld, dass Aussagen, die unter Laborbedingungen zustande kommen, nicht auf reale Ökonomien übertragbar seien. Sogar viele experimentelle Ökonomen, welche die Versuche im Labor beobachtet haben, scheinen sich mit aller Macht gegen die Resultate zu stemmen, die ihnen nicht ins Konzept des homo oeconomicus passen. Zum Beispiel ändern sie die Versuchsbedingungen in den Experimenten so lange, bis sich Ergebnisse einstellen, die eher mit dem Leitbild des homo oeconomicus übereinstimmen. Zweifel an der Berufswahl In den Fakultäten deutscher Universitäten hat sich in den letzten Jahren ein Geist von forciertem Wettbewerb breit gemacht. Dieser zeigt sich u.a. in der quantifizierten Leistungsmessung der einzelnen Wissenschaftler. Jedes Jahr werden quantitative Indikatoren der einzelnen Wissenschaftler (wie die Menge der extern eingeworbenen Forschungsmittel, die Zahl der Publikationen) erhoben. Anhand dieser Daten werden oft die Mittel zugeteilt. Dadurch herrscht eine permanente Konkurrenzsituation wie auch in privaten Unternehmen. Es geht in erster Linie darum, den Kollegen zu schlagen, um selbst Vorteile zu bekommen. Für den Erfolg zählt, Forschungsthemen zu bearbeiten, die im "mainstream", liegen, d.h. den höchsten und schnellsten Publikationserfolg versprechen. Einen Unterschied zwischen dem Konkurrenzkampf in Universitäten und Unternehmen ist, dass Professoren Beamte sind. Ihre Unkündbarkeit verleiht ihnen eine gewisse Gelassenheit, und auch Freundschaften unter Kollegen sind möglich. Als ich mich Anfang der 80er Jahre intensiver mit dem Buddhismus befasste, wuchsen meine Zweifel, ob ich den richtigen Beruf ergriffen hätte. Ich hatte mich 1983 an der Universität Konstanz habilitiert und 1987 eine Professur an der Universität Mannheim angenommen. Ein Teil meiner buddhistischen Freunde war in medizinischen Pflegeberufen oder in anderen therapeutischen Berufen tätig. Ich beneidete sie, da sie den Menschen direkt helfen konnten. Alles, was ich den Studenten beibringen konnte, waren ökonomische Verhaltensweisen in mathematischen ökonomischen Modellen, etwa Gewinnmaximierung und alle daraus folgenden Aktivitäten wie Rationalisierung in Betrieben. Zu dieser Zeit keimte in mir der Wunsch auf, meinen Beruf zu wechseln. Mein damaliger spiritueller Lehrer, Tenga Rinpoche, bei dem ich ab 1984 praktizierte, gab mir jedoch den Rat, bei meinem Beruf zu bleiben. "Wenn man einen Beruf hat, sollte man ihn nicht ohne Not verlassen. Ich folgte seinem Rat und überlegte mir, wie ich meine Arbeit mit meinen spirituellen Aktivitäten in Einklang bringen konnte. Ich versuchte dann, nicht mehr den Gegenstand meines Berufes, d.h. die Wirtschaftswissenschaften, in den Mittelpunkt meines Denkens zu stellen, sondern die Art der Vermittlung und die menschlichen Beziehungen. Ich nahm mir vor, durch meine Motivation und meine Handlungen einen neuen Umgang mit den Studenten zu pflegen, der mehr von Menschlichkeit geprägt war. Dies ging für einige Jahre ganz gut. Ich erhielt viele positive Rückmeldungen über den Stil meiner Vorlesungen, die Prüfungen und den persönlichen Umgang mit Studenten, der sich deutlich von dem meiner Kollegen unterschied. Diese Beurteilungen bezogen sich allein auf die menschliche Seite und auf meine Botschaften über das, was wichtig im Leben ist. Seit etwa zehn Jahren ist dieser Fortschritt leider wieder zerronnen. Der Druck auf die Dozenten, einen speziellen Vorlesungsstil zu pflegen, ist heute durch regelmäßige Vorlesungsevaluationen seitens der Studenten und durch Bewertungen in diversen Internetportalen enorm gewachsen. Dies hat die ursprüngliche Vertrauensbeziehung zwischen Studenten und Dozenten zum Teil beschädigt. Meine Vorlesungen wurden von Jahr zu Jahr schlechter bewertet, obwohl ich mich mit enormer Energie und Arbeit dagegen stemmte. Heute beschäftigen mich wieder die gleichen Fragen wie zu Beginn meiner universitären Karriere. Kann ich mich als Buddhist weiterhin ausschließlich mit Problemen wie individueller Gewinnmaximierung, Kostenminimierung, Betriebsrationalisierungen etc. beschäftigen? Wie entscheidend sind die Inhalte überhaupt? Sollte ich vielleicht sogar versuchen, die Inhalte mit buddhistischen Prinzipien anzureichern, d.h. so etwas wie eine buddhistische Wirtschaftswissenschaft mit zu entwickeln? Ich glaube allerdings nicht an so etwas wie eine "buddhistische Wirtschaftswissenschaft" oder eine "buddhistische Physik". Um nur für die Wirtschaftswissenschaft zu sprechen: Angenommen, es gäbe eine "buddhistische Theorie der Wirtschaftswissenschaften", d.h. konkrete wirtschaftspolitische Empfehlungen, die aus einem Modell buddhistischen Wirtschaftens abgeleitet werden könnten. Wer kann garantieren, dass es in einer Gesellschaft, die danach lebt, keine wirtschaftlichen Rezessionen mehr geben würde, dass Firmen keine Mitarbeiter entließen und Betriebe nicht insolvent gingen? Ich stehe daher jeder Art von buddhistischer Wissenschaftsbildung sehr skeptisch gegenüber. Denn die Aufgaben der Wissenschaft sind völlig verschieden von denen der religiösen Praxis. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind laufend intersubjektiven Überprüfungen und daher auch temporären Irrtümern unterworfen und müssen an den Erkenntnisstand angepasst werden. Buddhistische Verhaltensregeln dagegen sollten sich nicht laufend ändern. Ich glaube auch nicht daran, dass es Wissenschaften gibt, die dem Buddhismus näher oder ferner stehen. Wissenschaften - in unserem westlichen Sinn - haben einfach gar nichts mit buddhistischer Praxis zu tun. Daher hätte ich es für einen Irrweg gehalten, meine Wissenschaft nun "buddhistisch" machen zu wollen. Ich gab alle Anstrengungen auf, die Inhalte meines Berufes mit dem Buddhismus zu verbinden und praktizierte einfach normal weiter wie andere Buddhisten auch. Aber auch das stößt an Grenzen, denn mein Beruf lässt mir extrem wenig Zeit für die spirituelle Praxis. Und diese Situation hat sich durch die Umstrukturierung der Universitäten zu Wettbewerbsbetrieben nicht gerade verbessert. So wird sich der Konflikt wohl erst durch meine in zwei Jahren anstehende Pensionierung relativieren. Siegfried Berninghaus, geboren 1946, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Karlsruhe. Sein Arbeitsschwerpunkt sind mathematische Modelle in der Spiel- und Entscheidungstheorie. Er kam 1981 zum Buddhismus und praktiziert seit 1984 in der Karma-Kagyü-Tradition des tibetischen Buddhismus. Sein Hauptlehrer ist Tenga Rinpoche. Quelle: Tibet und Buddhismus erscheint viermal im Jahr. veröffentlicht im Schattenblick zum 17. Juli 2009 |