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PRESSE/776: Fragen an den Buddhisten Tich Nhat Hanh (Publik-Forum)


Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, Oberursel
Ausgabe 11/2009

Über die Wirtschaftskrise, Barack Obama und die Angst vor der inneren Leere.
Fragen an den Buddhisten Tich Nhat Hanh

"Jeder Tag voller Achtsamkeit heilt"

Von Peter Otten


FRAGE: Die Welt kennt in diesen Tagen scheinbar nur eine Frage: Die weltweite Wirtschaftskrise. Sind Sie an wirtschaftlichen Fragen interessiert - lesen Sie zum Beispiel den Wirtschaftsteil Ihrer Zeitung?

TICH NHAT HANH: Tatsächlich lese ich keine Zeitungen. Wenn du Zeitung liest oder fernsiehst, kann es sein, dass du zu viel von der Art Information bekommst, die dich nur zerstört. Und diejenigen von uns, die in sich eine Leere fühlen, die immer und ständig etwas brauchen, die lesen und lesen, eine Zeitung nach der anderen - sie möchten ihre innere Leere mit Dingen auffüllen.

FRAGE: Dennoch: Was raten Sie Menschen, die zu Ihnen kommen und die sich bedroht fühlen durch die Wirtschaftskrise - beispielsweise, weil sie ihren Job verloren haben?

TICH NHAT HANH: Die Menschen leiden unterschiedlich, wenn sie ihren Job verlieren, der eine mehr, der andere weniger. Es hat mit Angst zu tun. Wenn du mit der Angst in dir umgehen kannst, wird es leichter. Es kommt nicht auf die Situation selbst an, sondern darauf, wie wir sie bewältigen.

FRAGE: Aber was denken Sie persönlich über die Krise der Wirtschaft?

TICH NHAT HANH: Ich denke, durch die Wirtschaftskrise haben wir die Chance, wieder zu überlegen, wie wir unser Leben leben. Denn die Wirtschaftskrise ist unsere "Erfindung", unser Geschöpf. Wir haben in einer solchen Weise konsumiert, dass das Resultat eine Wirtschaftskrise ist. So ist sie in gewisser Weise eine Gelegenheit für uns, uns Zeit zu nehmen, schärfer auf uns selbst und die Situation zu schauen. Dann ist es möglich, einen Ausweg zu finden.

FRAGE: Sie lehren den "engagierten Buddhismus". Was bedeutet das genau?

TICH NHAT HANH: "Engagierter Buddhismus" meint eigentlich "aktiver Buddhismus". Eine nützliche Art des Buddhismus. Denn Buddhismus bedeutet, wach und achtsam zu sein gegenüber dem, was um uns herum geschieht. Wenn du wirklich aufmerksam bist, bist du von dem Wunsch beseelt, etwas an der Situation um dich herum zu verändern. Und du handelst so, dass du das Leiden in dir und um dich herum verminderst. Das ist engagierter Buddhismus.

FRAGE: Alles, was Sie schreiben, ist sehr auf die Praxis bezogen. Die Idee der Achtsamkeit im täglichen Leben beispielsweise. Könnten Sie die näher erklären?

TICH NHAT HANH: Buddhismus beginnt mit der Erkenntnis, dass Leiden da ist, in uns und um uns herum. Und es gibt eine Tendenz, davor davonzulaufen. Es gibt keine Konfrontation mit dem Leiden. Aber das ist das Problem. Denn wenn du vor dem Leiden davonzulaufen versuchst, wirst du es nicht besser verstehen und keinen Weg heraus finden. Buddhismus also lehrt dich, das Leiden zu erkennen und seiner Natur auf die Spur zu kommen. Und dann wirst du einen Weg entdecken, der dir zeigt, was zu tun ist: etwas loszulassen, damit du das Leiden in dir und um dich herum verminderst.

FRAGE: Buddhismus ist also ein sehr realistischer Umgang mit den Problemen des Lebens.

TICH NHAT HANH: Der Buddhismus will nicht, dass wir vor dem Leben davonlaufen. Daher muss es eine Art des Sitzens geben, damit du weniger leidest. Eine Art, einen Weg des Essens, des Redens, des Gehens, damit du weniger leidest. Wir lernen diese Wege, stellen uns dem Leiden in uns und helfen so, das Leiden um uns herum kleiner zu machen. Im Buddhismus geht es also immer ums Lernen.

FRAGE: Also ist meine Veränderung der erste Schritt, eine Gruppe, ein System, ja die Welt zu verändern?

TICH NHAT HANH: Ich glaube, es gibt Angst, Durcheinander und Ärger in uns. Und wenn wir nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen, sind wir nicht gelassen genug, das Richtige zu tun. Also ist der wichtigste Handlungsschritt der richtige Umgang mit dieser Angst diesem Ärger - damit wir genug Frieden, Festigkeit und Klugheit haben, an der Veränderung unserer Umgebung und der Gesellschaft zu arbeiten. Auch die Wirtschaftskrise benötigt eine gewisse Art des Handelns. Aber wenn du nicht friedvoll und standhaft genug bist, wenn du zu sehr durch die Angst bestimmt bist, kannst du nichts tun, um diese Situation zu verändern.

FRAGE: Ist das eine politische Haltung des Buddhismus?

TICH NHAT HANH: Politik ist ein wichtiger Aspekt unseres Lebens. Alles, was du tust, kann politisch sein. Etwas zu kaufen oder nicht zu kaufen - das ist auch eine politische Tat. Denn wenn du ohne Achtsamkeit konsumierst, dann kann es sein, dass du etwas unterstützt, was nicht positiv ist. Sich also bewusst zu sein, dass Produkte schlecht sind und nicht konsumiert werden sollten, das ist schon eine politische Haltung. Und Buddhismus handelt von der Achtsamkeit: dass du weißt, das sollte ich tun, jenes aber nicht. Wenn du die Dinge so betrachtest, dann kann alles politisch sein.

FRAGE: Gerade bauen Sie ein Buddhistisches Institut in Waldbröl im Bergischen Land auf. In dem Haus waren im Zweiten Weltkrieg Behinderte untergebracht, die von den Nazis ermordet wurden, zuletzt war es der Sitz einer Militärakademie. Warum haben Sie diesen Ort ausgewählt?

TICH NHAT HANH: Wir haben ihn gar nicht ausgewählt. Verschiedene Bedingungen ergaben sich, und dann ist es geschehen. Die Schwestern und Brüder in Europa und Asien haben es so vorbereitet. Eine Gemeinschaft - das ist das Wichtigste. Das habe ich von Buddha gelernt. Ein Buddha ohne Gemeinschaft - der kann nicht viel tun.

FRAGE: Was bedeutet das?

TICH NHAT HANH: Als ich in den Westen kam, kam ich völlig allein. Ich fühlte mich wie eine Biene ohne Bienenstock. So gründete ich eine Gemeinschaft und kam in Kontakt mit jungen Menschen. Es lief darauf hinaus, dass ich vierzig Jahre im Westen im Exil leben musste. In dieser Zeit haben wir überall im Westen Gemeinschaften gegründet. Tausende Menschen haben sich mit der Lehre Buddhas beschäftigt, haben die Regeln der Achtsamkeit studiert und gelernt. Zusammen haben wir die Idee vorangetrieben, Bruder- und Schwesternschaften zu haben, Gemeinschaften zu gründen. Und dadurch waren wir in der Lage, viele Saaten zu säen.

FRAGE: Welche Blumen können wir da inzwischen betrachten?

TICH NHAT HANH: Ich glaube, Barack Obama ist eine dieser Saaten, die wir vor vierzig Jahren gesät haben. Wir haben diese Art von kollektivem Bewusstsein kreiert, das sich in die Richtung von Geschwisterlichkeit und Frieden entwickelt hat. Würde Martin Luther King noch leben, würde er sehen, dass Obama Ergebnis seines Nachdenkens ist und Teil der Gemeinschaft ist, die er mit aller Kraft versucht hat aufzubauen. Auch Obama hat seine Gemeinschaft. Er ist von ihr umgeben. Aber auch von vielen anderen politischen Tendenzen. Ich glaube daher, dass wir seine Gemeinschaft unterstützen müssen, damit er keine Kompromisse in seiner politischen Haltung machen muss.

FRAGE: Sie glauben also, dass es auch von Ihnen und von Ihrer Gemeinschaft abhängt, ob Obama Erfolg hat?

TICH NHAT HANH: In einer Gemeinschaft kannst du Saat aussäen: die Saat der Brüderlichkeit, der Geschwisterlichkeit, des Friedens. Das ist die Basis. Das lässt Menschen weniger leiden und versetzt sie in die Lage, auf Buddhas Weg weiterzugehen. Jeder Tag voller Achtsamkeit heilt, lässt einen Menschen weniger leiden. Und das ist das, was wir hier jeden Tag bemerken, wenn Menschen zu uns kommen. Dass sie wieder lachen können.


Tich Nhat Hanh, Jahrgang 1926, ist buddhistischer Lehrer, Mönch und Buchautor. Der gebürtige Vietnamese lebt seit fast vierzig Jahren in Europa, nachdem ihm die kommunistischen Machthaber Vietnams Ende der 1960er-Jahre die Rückreise in seine Heimat verwehrt hatten. Neben dem in der Nähe von Bordeaux gegründeten Praxis-Zentrum Plum-Village baut er nun in Waldbröl im Bergischen Land mit dem European Institute of Applied Buddhism sein zweites Hauptzentrum in Europa auf. Er lehrt einen "engagierten Buddhismus", in dem die innere spirituelle Entwicklung unlösbar verbunden ist mit sozial-ökologischer Verantwortung und Aktion.


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Quelle:
Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen
Ausgabe 11/2009, 12. Juni 2009, S. 24-25
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veröffentlicht im Schattenblick zum 16. Juli 2009