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Schattenblick → INFOPOOL → RELIGION → BUDDHISMUS PRESSE/758: Der Erleuchtung ist es egal, ob wir Frauen oder Männer sind! (Buddhismus aktuell)Buddhismus aktuell, Ausgabe 2/2009 Der Erleuchtung ist es egal, ob wir Frauen oder Männer sind! Diskrepanz zwischen Lehre und patriarchaler Kultur Hinweis der Schattenblick-Redaktion:
Der Erleuchtung ist es egal, ob wir Frauen oder Männer sind! Diskrepanz zwischen Lehre und patriarchaler Kultur Von Vajramala Will der Buddhismus im Westen Bestand haben und spirituelle Inhalte glaubwürdig vermitteln, muss er überalterte patriarchale Strukturen hinter sich lassen. Mit profunder Sachkenntnis räumt die Autorin endgültig mit überholten Vorurteilen auf und plädiert für die längst überfällige Gleichstellung von Frauen im Buddhismus. Diese grundlegende Betrachtung über die Seltenheit einer kostbaren menschlichen Geburt ist eine häufig geübte buddhistische Praxis. Wenn man das Schicksal von Frauen in Asien betrachtet, dann könnte man meinen, dass ihr Menschenleben nicht als kostbar betrachtet wird, auch wenn sie über alle acht Freiheiten und alle zehn günstigen Umstände einer kostbaren menschlichen Geburt verfügen. Oft empfinden sie selbst ihr Leben nicht als kostbar, weil ihnen manche der Freiheiten, die dort kontempliert werden, vorenthalten werden. Die Geburt in einem weiblichen Körper wird als niedrig betrachtet, ihre Fähigkeit, die Lehre zu verstehen und auszuüben, angezweifelt, der freie Zugang zu höheren Unterweisungen verwehrt, materielle Unterstützung als nicht lohnend verweigert. Die Mehrzahl der Praktizierenden im Westen sind Frauen. Und auch in Asien sehnen sich viele Frauen nach einem spirituellen Leben: So sind die Wartelisten der Nonnenklöster lang, freie Plätze stehen nur sehr begrenzt zur Verfügung. Können wir aber in Anbetracht der Seltenheit ernsthaft Praktizierender auf das spirituelle Potenzial verzichten, das in diesen engagierten Frauen schlummert? Es ist befremdend, dass noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Empfehlung großer buddhistischer Meister, zum Beispiel Seiner Heiligkeit des Dalai Lama oder des XVII. Karmapa, den Frauen gleiches Recht auf Bildung und volle Ordination wie den Männern einzuräumen, bei vielen maßgeblichen Mönchen auf taube Ohren stößt. Denn ohne Zweifel hat sich der Buddha für die Ordination von Frauen entschieden und Männern wie Frauen die Befähigung zur Verwirklichung der Befreiung zugebilligt. Wie können also Nachfolger des Buddha sich gegen eine Ordination von Frauen aussprechen und damit seinen erklärten Willen und seine Weisheit anzweifeln? Das ist umso erstaunlicher, als zur Zeit des Buddha die Chancen für Frauen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, recht gut standen. Sie genossen in der Familie und Gesellschaft erhebliche Freiheiten, wurden mit Achtung behandelt, konnten sich frei in der Öffentlichkeit bewegen und Unterweisungen des Buddha besuchen. In wohlhabenden Familien erhielten sie eine gute Erziehung. In der Familie wurde die Frau verehrt, durfte als Verwalterin des Familienvermögens Almosen geben und sich mit spirituellen Dingen beschäftigen. Ihr Ehemann sollte ihr mit Respekt und Höflichkeit begegnen und ihre Autorität im Haus unterstützen. Ihr Rat war gefragt und ihre Meinung wurde geachtet. Reformfreudiger Buddha Diesen freiheitlichen Ansätzen stand allerdings das indische Frauenideal gegenüber, das stark von den Bedürfnissen der Männer geprägt war. Diesem Ideal entsprachen Frauen, die ihrer Rolle als Mutter Priorität einräumten und ihrem Ehemann völlig ergeben waren. Als der Buddha mit der Gründung des Nonnenordens den Frauen ein selbstbestimmtes Leben erlaubte, rüttelte er ebenso stark an den Grundfesten der Gesellschaft wie bei seiner Ablehnung des Kastensystems. So erwähnt er namentlich 54 Männer und 23 Frauen wegen ihrer überragenden Fähigkeiten und besonderen Verwirklichungen als herausragende Schüler beziehungsweise Schülerinnen: eine beträchtliche "Frauenquote" in einer männlich dominierten Welt. Nicht wenige Frauen wirkten zu seiner Zeit als anerkannte Lehrerinnen. Da Frauen von gutem Ruf in der damaligen Zeit unter dem Schutz und der Aufsicht von Vätern, Ehemännern und Söhnen standen, stellte der Buddha auch den neu gegründeten Nonnenorden unter den Schutz des Mönchsordens. Allerdings schuf er dadurch eine Abhängigkeit, die bis zum heutigen Tag fortbesteht. Seitdem die Frauen jedoch den Schutz der Grund- und Menschenrechte genießen, sind sie - sofern diese Rechte respektiert werden - nicht mehr auf männlichen Schutz angewiesen, zumal Frauen immer noch die leidvolle Erfahrung machen müssen, oft gerade von jenen Männern missbraucht zu werden, die sie eigentlich schützen sollten. Es liegt wohl in der Natur eines verblendeten Geistes, aus Rechten Privilegien abzuleiten und diese zum eigenen Vorteil auszunutzen. Vor 60 Jahren wurden die Menschenrechte verkündet, die jedem Menschen ohne Unterschied, etwa aufgrund des Geschlechts, der Nationalität oder Rasse, gleiche Rechte und Freiheiten zugestehen. Dazu gehört das Recht auf Bildung entsprechend seinen Fähigkeiten (Artikel 26). Aber noch heute wird in jenen Ländern, in denen den Frauen die Vollordination nicht zugänglich ist, die Ausbildung der Nonnen vernachlässigt oder ihnen erst gar nicht angeboten. Dadurch besitzen sie nicht das Ansehen, das Gelehrsamkeit oder Verwirklichung verleiht und das sie zu Lebzeiten des Buddha sehr wohl hatten. Auch macht es sie als Empfängerinnen von Gaben für die meisten Gabenspender uninteressant, denn das Geben wird immer noch als umso verdienstvoller betrachtet, je höher der spirituelle oder auch nur religiöse Rang des Empfängers ist. Diese Gewohnheit, wird ungeachtet der Tatsache beibehalten, dass die Tugend des Gebens nur vollkommen ist, wenn keine Idee von einer Gabe, einem Empfänger und einem Gebenden existiert, also ohne Ansehen der Person gegeben wird. Bildung braucht aber überall auf der Welt materielle Unterstützung, auch wenn sie sich erst nach Jahren materiell auszahlt. Starke Frauen warten nicht auf Erlaubnis Viele herausragende Frauen in der Geschichte des Buddhismus waren freie und unabhängige Menschen, die ihre eigene Vision, ihr Lebensziel der Befreiung nicht aus den Augen verloren. Sie ordneten sich nicht fremdbestimmten Erwartungen unter und gaben ihr eigenes Bedürfnis nach Erleuchtung nicht auf, sondern verwirklichten sie auch dann, wenn die Gesellschaft diese freiheitlichen Tendenzen sanktionierte. Die Biografien dieser bemerkenswerten Frauen, zum Beispiel Lakshminkara oder Machig Labdrön, haben eines gemeinsam: Sie verfolgten ihr Ziel gegen alle Widerstände und gesellschaftlichen Erwartungen und verzichteten auf Bestätigung von außen, weil sie die Quelle ihrer Selbstachtung in sich selbst gefunden hatten. Diese Lebensgeschichten können uns heute noch lehren, dass das Warten auf Erlaubnis wenig Aussicht auf Erfolg hat, vielmehr müssen Frauen sich die Freiheit nehmen, ihre Visionen und berechtigten Lebensziele zu verwirklichen. Und wenn ihnen dies ohne Not verweigert wird, sollten sie hinterfragen, mit welchem Recht das geschieht und wer möglicherweise davon profitiert. Die Forderung westlicher Praktizierender nach einer Wiederbelebung der Vollordination für Frauen in jenen Regionen, in denen sie erloschen war, wird von vielen der großen Lehrer unterstützt, leider aber von der Mehrzahl der Mönche in Asien boykottiert. Das ist angesichts der auch von ihnen geübten Praxis der Entfaltung von Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Unparteilichkeit für alle Wesen kaum nachzuvollziehen. Wie ist es möglich, dass sich solch einseitige patriarchale Strukturen in einer religiösen Gemeinschaft wie der buddhistischen durchsetzen, wo der Weg zur Befreiung von Begehren, Hass und Verblendung - auch in deren subtilen Ausprägungen des Wünschens, Ablehnens und der Konzeptgebundenheit - als die höchste Bestimmung jedes einzelnen Wesens betrachtet wird, insbesondere aber als der Sinn des Menschseins? Vielfach wird übersehen, dass in einer von Vatergestalten dominierten Welt nicht nur die Frauen und Töchter benachteiligt werden, sondern auch die Mehrzahl der Söhne. Denn es gehört zum Wesen patriarchal strukturierter Familien, Clans oder Klostergemeinschaften, dass nur Einzelne an der Spitze stehen, während sich alle anderen Mitglieder der Gemeinschaft unterordnen müssen. Allein die Hoffnung auf einen Aufstieg in der Hierarchie oder auf andere Begünstigungen erhält diese Ordnung aufrecht, eine Hoffnung, die sich nur für die Wenigsten erfüllen kann. Der Preis dafür ist hoch, denn das System schafft ständig eine große Anzahl von Verlierern, schlimmer noch, es löst einen ständigen Kampf um die Macht aus. Weiblicher Führungsstil: Kooperation statt Macht Heute hat sich dieses System überlebt. Die weltweiten Probleme der Menschheit sind so ungeheuer komplex und differenziert, dass sie nur durch Kooperation gelöst werden können. Unser Überleben wird davon abhängen, ob die Mächtigen bereit sind, ihre einsame Machtbefugnis zugunsten teamgeborener Lösungsstrategien aufzugeben. Diesen Führungsstil nennt man "weiblich", weil Frauen innerhalb des Systems der Familie erkannt haben, dass ein friedvolles und alle zufriedenstellendes Zusammenleben nur auf der Basis einer Lösungsfindung, nicht aber aufgrund machtbedingter Entscheidungen möglich ist. Wenn beim Transfer des Dharma in den Westen spirituelle Strukturen lebendig bleiben und nicht zu gesellschaftlichen Konventionen erstarren sollen, dann wäre es an der Zeit, das Merkmal der Nichtdauer alles bedingt Entstandenen von den Höhen philosophischer Argumentation auf die relative Ebene zu übertragen. Auch wird die Wertschätzung, die dem Buddhismus im Westen entgegengebracht wird, Schaden nehmen, wenn eine Vielzahl seiner Vertreter eine Zweiklassengesellschaft aufrechterhalten will, in der einem Teil der Menschen die Grund- und Menschenrechte verweigert werden. Vajramala (Sabine Thielow), Buddhistin in der 2. Generation, wurde 1972 persönliche Schülerin von Lama Anagarika Govinda, von ihm 1980 zum Lehren beauftragt und 1984 zur Dharma-Nachfolge und Fortsetzung der von ihm begründeten Tradition bestimmt. Sie leitet das Studien- und Meditationszentrum "Mahakala Ashram" am Bodensee. In der DBU setzt sie sich als Ratsmitglied und seit 2001 als Vorsitzende für die Integration des Buddhismus in unsere Gesellschaft ein. »Jetzt muss ich die Gelegenheit nutzen, die meine Freiheit mir bietet,
sonst wird es in Zukunft schwer sein, alle Bedingungen für den Weg zur
Erleuchtung vorzufinden. Doch die Wesen, ... die dem Dharma folgen,
sind so selten wie Sterne am hellen Tag.« »Ohne Zweifel hat sich der Buddha für die Ordination von Frauen entschieden und Männern wie Frauen die Befähigung zur Verwirklichung der Befreiung zugebilligt.« Die fünf Freiheiten Die Freiheit zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist Die Freiheit, das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke Die Freiheit, zu meinen Gefühlen zu stehen Die Freiheit, um das zu bitten, was ich brauche Die Freiheit, in eigener Verantwortung Risiken einzugehen Virginia Satir (1916-1988) Quelle: Chefredaktion Buddhismus aktuell: DBU-Geschäftsstelle (Bestellungen, Abo-Service) "Buddhismus aktuell" erscheint vierteljährlich. veröffentlicht im Schattenblick zum 22. April 2009 |