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PRESSE/754: Prinz Siddhartha und Yasodhara - eine außergewöhnliche Beziehung (Tibet und Buddhismus)


Tibet und Buddhismus Nr. 89, 2/2009
Vierteljahresheft des Tibetischen Zentrums e.V. Hamburg

Prinz Siddhartha und Yasodhara - eine außergewöhnliche Beziehung

Prinz Siddhartha verließ Frau und Sohn kurz nach dessen Geburt. Die Autorin erzählt die Geschichte der Beziehung zwischen dem Prinzen und seiner Frau Yasodhara, die später in den Orden eintrat und hohe Verwirklichungen erlangte.

Von Bhikkhuni Dhammananda


Die Frau des Buddha, Yasodhara, wird in der Lebensgeschichte des Buddha mit nur einer Zeile erwähnt. Dabei gibt es über sie sehr viel mehr zu sagen. Yasodhara entstammte derselben Familie wie Prinz Siddhartha und war am gleichen Tag wie er geboren worden. Als sie beide sechzehn Jahre alt waren, wurde, wie in Indien üblich, ihre Heirat arrangiert.

Im Alter von 29 Jahren machte Prinz Siddhartha eine Ausfahrt und stellte sich existenziellen Fragen: Ist es wirklich so, dass wir alle krank und alt werden und sterben müssen? Gibt es einen Weg, sich aus diesem Leid zu befreien? Als er in der Nacht zum Palast zurückkehrte, war ihm ein Sohn geboren. Er nannte ihn Rahula, "Fessel", weil dieser nun ebenso an die zyklische Existenz gebunden war.

Der Prinz fasste den festen Entschluss, dem Palastleben, symbolisch für den Daseinskreislauf, den Rücken zu kehren. In jener Nacht nahm er seinen Sohn nicht in den Arm und sprach nicht mit seiner Frau, denn dann wäre er nicht mehr in der Lage gewesen, sein Vorhaben umzusetzen. Er verließ seine Familie und überquerte einen Fluss. Dies ist als Symbol dafür zu sehen, dass er nicht zurückkehren würde. Sechs Jahre später erlangte er die Erleuchtung.

Als Yasodhara am Morgen erwachte, nahm sie ihren Sohn in den Arm. Ein Sohn war das größte Geschenk, das eine Frau ihrem Mann machen konnte. Doch sie wartete den ganzen Morgen vergebens auf ihren Mann. Keine der Frauen im Palast sah ihr in die Augen. Sie wunderte sich, bis die Königin ihr schließlich mitteilte, dass der Prinz in der Nacht den Palast verlassen hatte. Yasodharas Leiden war grenzenlos. Sie hatte dem Prinzen das größte Geschenk gemacht, aber er war fortgegangen, ohne auch nur ein Wort zu sagen.

Sie zog sich in ihre Gemächer zurück und weinte. Man erzählte ihr, der Prinz habe das Asketenleben begonnen und fastete. So legte auch sie ihre kostbaren Gewänder ab, zog einen weißen San an, legte das Zeichen, verheiratet zu sein [vermutlich ein Stirnschmuck oder ein Farbpunkt auf der Stirn, Anm. der Redaktion] sowie ihren Schmuck ab und begann ebenfalls zu fasten. Nach sechs Jahren erhielten sie die Nachricht, dass Prinz Siddhartha die Erleuchtung erlangt hatte. Sie verstand nicht, was das bedeutete und dachte, er käme nun zu ihr zurück.

Der Erwachte zog ein weiteres Jahr im Lande umher, um zu predigen. Dann begab er sich nach Kapilavatthu. Sein Sohn war nun schon sieben Jahre alt. Die erste Nachricht, die sich im Palast verbreitete, war, der Prinz würde betteln, was gegen die Familientradition verstieß. Yasodhara schaute aus einem Palastfenster auf die Straße und sah den Prinzen. In ihren Augen war er immer noch so schön wie früher, vielleicht ein bisschen älter, männlicher.

Sein Vater hatte den Buddha in den Palast zum Essen eingeladen. Die gesamte königliche Familie weigerte sich zuerst, dem Erwachten Respekt zu zollen und sich zu verbeugen. Sein Vater war der erste, der sich vor dem Buddha verneigte, erst dann folgten die anderen nach. Der Erwachte war mit einer großen Gruppe von Mönchen in den Palast gekommen. Nach dem Essen war es üblich, Dharma-Unterweisungen zu geben. Er konnte Yasodhara nirgends erblicken und fragte den König, was mit der Mutter seines Kindes geschehen sei. Man schickte nach ihr, damit sie komme. Aber sie sagte 'nein'. Der Buddha möge seiner Frau in ihrem eigenem Haus Respekt erweisen.

Als Prinz Siddhartha sie verlassen hatte, war sie von der gesamten königlichen Familie kritisiert worden, was für eine Frau sie denn sei, dass ihr Mann weglaufe. Nun war er zurückgekommen, ohne sie in ihren Gemächern zu besuchen. Das bestätigte die Kritik der königlichen Familie an ihr. Der Buddha erkannte das sofort, ging zu seiner Frau und bat seine Hauptschüler, sich nicht einzumischen, egal welche Form des Respekts Yasodhara wählen würde.

Er begab sich mit dem König, der Königin und der ganzen Hofgesellschaft zu ihrem Palast. Als er eintrat, kam Prinzessin Yasodhara auf ihn zu, kniete vor ihm nieder und reinigte mit ihren langen Haaren seine Füße. Dann fragte sie ihn, was sie so Schlimmes getan habe, dass er sie für sieben Jahre verlassen hatte, obwohl sie ihm einen Sohn geschenkt habe. Er habe dieses Geschenk und ihre Beziehung nicht wertgeschätzt.

Der Buddha hob sie vom Boden auf und half ihr, auf einem Sessel Platz zu nehmen, obwohl er als Mönch keine Frau berühren durfte. In dieser Geste steckt eine sehr starke Botschaft. Nachdem er sie davon überzeugt hatte, dass sie die beste Ehefrau gewesen war, erzählte er eine Geschichte aus einer seiner früheren Existenzen.

In dem Jataka [Vorgeburtsgeschichte des Buddha] geht es darum, dass sie beide in einem früheren Leben als Kinnara und Kinnari geboren waren, also Wesen, die halb Vogel und halb Mensch sind. Die Prinzessin war eine so schöne Kinnari, dass ein Jäger sie einfing, um sie dem König von Vararasi zu schenken. Dieser wollte sie zu seiner Frau machen. Aber sie weigerte sich und begann zu fasten. Sie wollte keinen anderen zum Mann als ihren eigenen Mann, den jetzigen Buddha.

Sehr starke Hitze ging von ihrem Körper aus, und jedes Mal, wenn der König sie berühren wollte, war sie so heiß wie Feuer. Irgendwann hatte der König genug und ließ sie gehen. Das Paar war nun wieder glücklich vereint. Buddha hatte diese Geschichte gewählt, um ihr zu zeigen, dass sie in vielen Leben schon miteinander verbunden waren.

Yasodhara war nicht unter den 500 Frauen, die im Gefolge von Mahapajapati die Ordination nahmen. Sie bat ihn erst etwas später um das Gelübde und erlangte schnell die Erleuchtung. Sie wurde vom Buddha gepriesen als die Herausragendste, die Wunderkräfte besaß. Als sie 78 Jahre alt war, bat sie den Buddha, sterben zu dürfen. Sie wollte ihm Ehre erweisen, indem sie vor ihm starb. Er erlaubte es, ersuchte sie aber, vorher noch ein Wunder zu vollbringen. Normalerweise ist den Nonnen und Mönchen nicht erlaubt, anderen zu zeigen, welche spirituellen Kräfte sie besitzen. Es war eine Ausnahme, und es war sehr wichtig, dass er sie darum bat, denn wie sonst konnte er sie preisen, wenn niemand diese Kräfte sehen konnte.

Sie verneigte sich vor ihm und erschien in verschiedenen Formen. Sie zeigte sich in tausend Formen, und all diese verneigten sich vor dem Buddha. Dann zog sie sich in ihre Hütte zurück, um dort in der Meditation zu sterben. Yasodhara ist uns heute ein gutes Vorbild für die Stärke der Frau.


Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Birgit Schweiberer

Bhikkhuni Dhammananda war 30 Jahre Professorin in Kanada und Thailand. Sie ließ sich 2001 als erste Theravada-Bhikkhuni in Thailand ordinieren. Heute ist sie Äbtissin des Songdhammakalyani-Klosters, des einzigen Klosters für Bhikkhunis in Thailand.


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Quelle:
Tibet und Buddhismus Nr. 89, 2/2009, S. 12-13
Herausgeber:
Tibetisches Zentrum e.V.
Hermann-Balk-Straße 106, 22147 Hamburg
Tel.: 040/644 35 85, Fax: 040/644 35 15
E-mail: tz@tibet.de
Internet: www.tibet.de

Tibet und Buddhismus erscheint viermal im Jahr.
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Einzelheft (zuzügl. Porto): 5,50 Euro


veröffentlicht im Schattenblick zum 10. April 2009