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BERICHT/017: Vier Tage Lächeln - Der Dalai Lama in Frankfurt (Publik-Forum)


Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, Oberursel
Ausgabe 15/2009

Vier Tage Lächeln
Ein Gott? Ein Mensch? Über fünfzigtausend begegnen dem Dalai Lama im Frankfurter Fußball-Stadion.
Buddhismus light - Religion gewaltfrei, selbstironisch und heiter

Von Thomas Seiterich


Der Dalai Lama hat Kondition. Vier Tage lang gibt der 73-jährige tibetische Mönch Tenzin Gyatso, den Buddhisten Seine Heiligkeit nennen, morgens und nachmittags religiöse Unterweisung. Das dauert jeweils gut zwei Stunden lang. Er sitzt mit locker übereinandergekreuzten Beinen auf einem rot-goldenen Podest hinter einer liebevoll hergerichteten Lotosblumenrabatte an der Strafraumgrenze und füllt den eisgrauen Riesenraum der Frankfurter Fußball-Arena aus Beton mit seiner heiteren und warmherzigen Ausstrahlung. Der kahl geschorene Mönch mit den höchst lebendigen dunklen Augen hinter der alten Goldrandbrille verkörpert für seine Anhänger die freundliche Seite, das Faszinosum von Religion. Der dunklen Seite der Religion, dem Tremendum, gibt der Dalai Lama keinen Raum.

"Der Dalai Lama kommt", so heißt die viertägige Großveranstaltung, die die drei Veranstalter Deutsche Buddhistische Union, Tibet Haus Deutschland und die Frankfurter Pagode Phat Hue durchaus missionarisch verstehen. "Die Kunst des Lebens" wolle der Tibeter vermitteln. Die Internet-Werbung lautet: "Einmal im Leben den Dalai Lama treffen. Nutzen Sie diese einzigartige Gelegenheit. Holen Sie sich einen Impuls, der Ihnen neue Kraft im Alltag gibt."

Die über 52.000 Zuhörer - mehr als zwei Drittel davon Frauen - folgen dem Dalai Lama an den vier Veranstaltungstagen still auf ihren Stuhlreihen, viele im Lotossitz. Sie lassen sich stundenlang hineinwiegen in den Singsang der tibetischen Wortmelodien mit den Zischlauten und den vielen Os und Us, oder sie folgen dem sehr tibetischen Englisch Seiner Heiligkeit. Wenn der Dalai Lama lacht - und das tut er häufig -, dann lacht das Publikum vergnügt mit. Doch die nachgereichte Übersetzung verschluckt viele Scherze Seiner Heiligkeit.

Der Dalai Lama gilt wegen seiner strikten Gewaltfreiheit, betont modernen Religiosität und tiefen Freundlichkeit vielen Zeitgenossen als "der sympathischste Mensch der Erde". So formuliert es die Lehrerin Tanja, eine "suchende Nochnichtbuddhistin". Tanja ist aus Dresden zu den Dalai-Lama-Tagen angereist. Die Tausende gläubiger Buddhisten in der Commerzbank-Arena verehren ihn als "Ozean des Wissens", als eine Reinkarnation des Bodhisattvas der universellen Barmherzigkeit - praktisch als eine Mensch gewordene Gottheit.

Steile Themen behandelt der Religionsführer. Zwei Tage lang spricht er über einen Text des Gelehrten aus dem 8. Jahrhundert nach Christus, ein Stück aus der tibetischen Tradition, das als ein Lieblingstext des Dalai Lama gilt. Titel: "Die mittleren Stufen der Meditation". Er behandelt Kamashilas praktische Themen wie den Gang aufs Klo vor Beginn der Meditation ebenso wie die großen Fragen: "Wie kann man Gleichmut und die Wurzel liebender Güte entwickeln?", "Woher das Leiden?", "Wie gelangt man zu Weisheit? Wie zum Frieden?"

Die Unterweisung in der buddhistischen Lehre steht für den Dalai Lama im Vordergrund. Doch er versteht sich nicht als ein Missionar. Von einem Wechsel der Religion rate er grundsätzlich ab, erklärt der Dalai Lama gleich zu Beginn der vier Tage dem Publikum. Es sei besser, in der eigenen, vertrauten spirituellen Tradition zu bleiben und sie zu vertiefen. Im Grunde hätten alle Weltreligionen ja dasselbe Ziel: "Alle wollen den Menschen dabei helfen, friedvoller und ausgeglichener, ja glücklicher zu werden und das menschliche Potenzial besser zu nutzen." Wer sich mit dem Buddhismus vertraut machen wolle, solle den Kern, die Praxis - "das, worum es geht" - suchen und nicht an Äußerlichkeiten oder Traditionen kleben. "Wer Zen übt, muss nicht auch noch eine japanische Inneneinrichtung haben", lehrt der Dalai Lama lachend - und seine Zuhörer lachen mit.

Über das Publikum und seine ergriffene Ergebenheit wird in der Presseberichterstattung viel gespottet. Zehntausende Frauen und Männer meist über 45 kommen zu den Dalai-Lama-Festspielen. Zehn Jahre jünger sind sie durchschnittlich als die sonntäglichen Gottesdienstbesucher in den christlichen Kirchen. Nicht wenige Besucher, mit denen man ins Gespräch kommt, zeigen sich enttäuscht über rigide Erfahrungen, die sie in ihrer Herkunftsreligion Christentum gemacht haben.

Was macht die weltweit zurzeit einzigartige Faszination des Dalai Lama aus? Er tritt den Menschen - ob in Asien oder dem Westen - gegenüber als eine Person, die ganz aus einer alten religiösen Tradition lebt und ihr Leben in den Dienst dieses Glaubens stellt. Ihm gelingt dabei ein Kunststück, das den Kirchenführern nicht gelingt - und das zum Teil auch nicht gewollt ist: dem religiösen Anspruch alles Bedrohliche, unbedingt Fordernde, Männermachtmäßige und Verbotshafte zu nehmen. Stattdessen verkörpert der Dalai Lama eine zur Selbstironie fähige, verständnisvolle, heitere Seite von Religion. Er bietet sich dar als eine ideale Projektionsfläche für heutige Menschen, die in ihren Alltagsnöten nach Hilfe suchen, wie sie die komplexen Widersprüchlichkeiten der modernen Lebenswelt aushalten und gestalten können. "Er ist gut, nur gut", sagt die Physiotherapeutin Karin aus Essen und formuliert, was viele im Publikum meinen.

Daneben finden Diskussionen statt, etwa über "Hirnforschung und Meditation" mit Koryphäen wie dem Zen-Meister und Ex-Benediktiner Willigis Jäger und dem Chef des Frankfurter Max Planck-Instituts für Hirnforschung, Wolf Singer. In just dieser Diskussion steht ein Mann auf: er trägt nichts Wallendes in den Tibetfarben Goldgelb und Rot, sondern ein schwarzes Shirt mit rotem Stern und der gelben Inschrift "Wer sich nicht wehrt ...". Er will wissen, wie das sei mit der früheren Sklaverei unter den Mönchen in Tibet? Wie der Dalai Lama dazu stehe? Moderator Gerd Scobel bügelt den Frager ab, die Fragen seien unpassend. So wird ihm nur kurz geantwortet.

Es spricht für den Dalai Lama, dass er am folgenden Morgen in der Arena die Konflikte anspricht, die sein innerbuddhistisches Wirken begleiten und es ermöglichen, dass Rotchinas Propaganda den friedfertigen Religionsführer als Wolf im Schafspelz attackiert. Der Dalai Lama klärt sein Publikum über Dorje Shugden auf. Hierbei handelt es sich um ein seit dem 17. Jahrhundert als übernatürliches Wesen verehrtes Orakel in Tibet. Es steht in Konkurrenz zum Staatsorakel, das der Dalai Lama vor Entscheidungen konsultiert. Er selbst habe früher den Shugden-Kult praktiziert, sich jedoch davon abgewandt, weil mit jenem Orakel Schadzauber und folglich die Schädigung von Menschen verbunden sein könnten. Der Dalai Lama führt nicht aus, wie schneidend er die innerbuddhistische Bannung vollzog. Und wie tief der Riss ist, der zwischen den nach wie vor Shugden anhängenden Klöstern und jenen des Dalai Lama verläuft. Eine Fragestunde dazu findet nicht statt. Im Design der Großveranstaltung in der Arena fehlt hierfür die Möglichkeit und in kleinerem Rahmen wird keine Diskussion hierzu angeboten.

Beim Thema Orakel lässt der Dalai Lama die voraufklärerischen Seiten seiner Religion und seines Lebens aufblitzen. Sein Staatsorakel heißt Nhupten Ngodup, ist ein Mann, Jahrgang 1958, und wohnt im kleinen Kloster Nechup im nordindischen Residenzstädtchen Dharamsala, gleich hinter Tibets Exilparlament. Vom Nutzen des Orakels zeigt sich der Dalai Lama nicht nur intern, sondern auch in Interviews überzeugt.

Seine Botschaft an die westlichen Zuhörer lautet: Das Leben bejahen: achtsam mit sich und anderen umgehen: Kraft für Güte aus Meditation und Stille schöpfen. Er spricht dabei die Menschenmenge nie als Gemeinde an, sondern stets als Individualisten. Dies kommt gut an, weil es dem Lebensgefühl des Publikums entspricht.

Buddhismus light, wie ihn der Dalai Lama Westlern nahebringt, ist eine Religion der betont Ich-Bewussten. - Christen schöpfen Kraft aus dem Friedensgruß oder dem Gemeindegesang. Muslime leben vom Rhythmus der Gebete und der dabei in Gemeinschaft vollzogenen rituellen Bewegungen. Doch Buddhismus im Westen ist - anders als die Buddhismen in Asien - ein Glaube, den jede und jeder individualistisch lebt.


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Quelle:
Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen
Ausgabe 15/2009, 14. August 2009, S. 27-28
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veröffentlicht im Schattenblick zum 3. September 2009