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INTERNATIONAL/404: 65 Jahre nach der Ermordung Lumumbas - Historische Anhörung in Brüssel (ECCHR)


European Center for Constitutional and Human Rights e.V. (ECCHR)
Pressemitteilung vom 16. Januar 2026

65. Jahrestag der Ermordung von Patrice Émery Lumumba

Anhörung - Vorverfahrenskammer des Brüsseler Strafgericht, 20. Januar 2026


65 Jahre nach der Ermordung von Patrice Émery Lumumba, dem ersten demokratisch gewählten Premierminister des unabhängigen Kongo, ist Étienne Davignon der letzte noch lebende Angeklagte in diesem Fall. Angesichts der bevorstehenden Anhörung am 20. Januar in Brüssel, bei der über die Durchführung des Strafprozesses entschieden wird, betont die Familie Lumumba, dass dies wahrscheinlich die letzte Gelegenheit für die belgische Justiz ist, "der Wahrheit eine Chance zu geben" und über die strafrechtliche Verantwortung für die Kriegsverbrechen zu entscheiden, die am 17. Januar 1961 zum Tod von Patrice Lumumba führten. Eine Ablehnung einer solchen gerichtlichen Überprüfung würde die Straflosigkeit für schwere Kolonialverbrechen endgültig festigen.


65 Jahre nach der Ermordung Lumumbas: Historische Anhörung in Brüssel

65 Jahre nach der Ermordung von Patrice Émery Lumumba [1], dem ersten demokratisch gewählten Premierminister des unabhängigen Kongo und Symbolfigur der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen, ist die belgische Justiz aufgefordert, zu entscheiden, ob das Strafverfahren zu den Umständen seines Todes - und denen seiner Minister Maurice Mpolo und Joseph Okito, die am 17. Januar 1961 in Katanga hingerichtet wurden - fortgesetzt werden soll.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt des Verfahrens ist der ehemalige belgische Diplomat Étienne Davignon der einzige noch lebende Angeklagte von ursprünglich elf belgischen Staatsbürger*innen, gegen die Anklage erhoben wurde. Dies verleiht der bevorstehenden Anhörung besondere Bedeutung: Sie könnte die letzte Gelegenheit für ein belgisches Gericht sein, die individuelle Verantwortung im Zusammenhang mit der Ermordung Lumumbas strafrechtlich zu untersuchen.

Am 20. Januar wird die Vorverfahrenskammer (Chambre du conseil) des Brüsseler Strafgerichts im Rahmen der gerichtlichen Untersuchung, die nach der 2011 von François Lumumba, dem ältesten Sohn von Patrice Lumumba, eingereichten Klage eingeleitet wurde, eine Verfahrensüberprüfung unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchführen. Diese Anhörung findet zu einem höchst symbolischen Zeitpunkt statt: Dem 65. Jahrestag dieses dreifachen politischen Mordes, der jahrzehntelang von Schweigen, Leugnung und Straflosigkeit umgeben war.

Bei dieser Gelegenheit werden sich etwa zehn weitere Mitglieder der Familie Lumumba, allesamt direkte Nachkommen von Patrice Lumumba, François Lumumba als Zivilparteien anschließen. Dieser kollektive und generationsübergreifende Schritt verkörpert eine endgültige Entschlossenheit: dass die Justiz letztendlich über Tatsachen entscheidet, die ausschließlich als Kriegsverbrechen charakterisiert werden können, sowie über die daraus resultierende strafrechtliche Verantwortung. Gleichzeitig zeigt er, dass das Ausbleiben einer juristischen Aufarbeitung nicht nur über Jahrzehnte anhält, sondern ganze Generationen übergreift.

"Seit fast fünfzehn Jahren verfolgt unsere Familie dieses Gerichtsverfahren mit Würde und Zurückhaltung. Es geht heute weder um verletzte Gefühle noch um eine politische Abrechnung mit der Vergangenheit, sondern um Recht und Gerechtigkeit. Wir sprechen nicht nur im Namen unserer Familie, sondern im Namen einer Generation, die immer noch daran glaubt, dass das Recht auch dann angewendet werden kann, wenn Verbrechen von Staaten begangen und lange Zeit verschleiert wurden. Wir bitten die Justiz, der Wahrheit eine Chance zu geben, damit endlich die Verantwortlichkeiten festgestellt werden können." (Auszug aus der Erklärung der Familie Lumumba im Hinblick auf die für den 20. Januar 2026 angesetzte Anhörung)

Die Arbeit der 2001 eingesetzten parlamentarischen Untersuchungskommission hat bereits die moralische Verantwortung Belgiens für die Ereignisse festgestellt, die zur Verhaftung, Überstellung und Hinrichtung von Patrice Lumumba geführt haben. Das laufende Gerichtsverfahren zielt darauf ab, über eine bloße politische oder historische Anerkennung hinauszugehen und eine wirksame strafrechtliche Untersuchung im Einklang mit den Anforderungen der Rechtsstaatlichkeit zu ermöglichen.

Entgegen mancher Argumente ist Zeit allein kein Hindernis für Gerechtigkeit. Wenn Kriegsverbrechen und Staatsverbrechen von eben den Institutionen vertuscht werden, die für ihre Verhinderung zuständig sind, erfordern sie ausdrücklich eine gerichtliche Reaktion - wenn auch verspätet, aber dennoch unerlässlich. Zum ersten Mal wird der Mord an einem afrikanischen Unabhängigkeitsführer, der einer ehemaligen Kolonialmacht zugeschrieben wird, strafrechtlich vor Gericht verfolgt.

In der Verhandlung am 20. Januar 2026 wird noch nicht über die Schuld von Davignon entschieden, sondern ob der Fall vor Gericht gebracht werden kann. Dennoch ist dies ein entscheidender Schritt für das Recht der Opfer und ihrer Nachkommen auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Anerkennung - und dafür, dass sich die Justiz mit der kolonialen Vergangenheit Belgiens auseinandersetzt. Die Ermordung von Patrice Lumumba riss nicht nur einen Mann aus seiner Familie, sondern beraubte auch eine Nation ihres demokratisch gewählten Premierministers und das gerade unabhängig gewordene Afrika eines seiner prominentesten Führer, wodurch der Lauf der Geschichte nachhaltig verändert wurde.

Wolfgang Kaleck, Rechtsanwalt und Generalsekretär des ECCHR, wurde im Sommer 2025 offiziell als rechtlicher Beistand der Familie bestellt.


Anmerkung:
[1] https://www.ecchr.eu/fall/verbrechen-waehrend-der-unabhaengigkeitskriege-der-lumumba-mord/

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Quelle:
European Center for Constitutional and Human Rights e.V. (ECCHR)
Zossener Str. 55-58, Aufgang D, 10961 Berlin
Telefon: + 49 (0)30 - 40 04 85 90, Fax: + 49 (0)30 - 40 04 85 92
E-Mail: info@ecchr.eu,
Internet: www.ecchr.de

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 23. Januar 2026

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