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LATEINAMERIKA/2295: Ecuador - Blutigstes Jahr der jüngeren Geschichte (poonal)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Ecuador
Blutigstes Jahr der jüngeren Geschichte


Das Jahr 2026 beginnt in Ecuador mit Spannungen, drängenden sozialen Forderungen und zunehmender Gewalt. Wie sich Stabilität und Gerechtigkeit erreichen lassen, bleibt unklar.

(Quito, 31. Dezember 2025, Prensa Latina) - Fast 9.000 Tötungsdelikte in den letzten zwölf Monaten: 2025 war für Ecuador das blutigste Jahr der jüngeren Geschichte. Strukturelle Änderungen, die Hoffnung auf ein weniger gewalttätiges Jahr 2026 geben könnten, sind nicht in Sicht.

Der Tiefpunkt der Antidrogenpolitik

Nach Angaben des Sozialwissenschaftlers und Sicherheitsexperten Fernando Carrión ist die Mordrate seit 2017 um fast das Zehnfache gestiegen. In jenem Jahr lag sie bei sechs Toten pro 100.000 Einwohner; bis zum Ende des Jahres 2025 gehe man von 51 oder 52 Mordfällen pro 100.000 Einwohner aus. Für den Analytiker, der von dem Nachrichtensender "Radio Pichincha" interviewt wurde, zeigt diese Situation den Tiefpunkt der Antidrogenpolitik, nach der anfänglichen Wirksamkeit des Ausnahmezustandes, den Präsident Daniel Noboa im Januar 2024 ausgerufen hatte. Seiner Meinung nach spiegelt die Situation das Fehlen einer ganzheitlichen, umfassenden Politik wider, eine Tatsache, die es dem organisierten Verbrechen ermöglicht hat, einen entscheidenden Einfluss auf die nationale Agenda zu nehmen.

Protestwelle mit Toten und Verletzten

Parallel dazu kam es in den Monaten September und Oktober 2025 zu breiten Protesten: Als Reaktion auf die Abschaffung der Dieselsubventionen und anderer wirtschaftspolitischer Maßnahmen der Regierung hatten indigene Gruppen und soziale Organisationen zu einem landesweiten Streik aufgerufen. Kundgebungen, Straßensperren und Zusammenstöße der Demonstrierenden mit Sicherheitskräften waren an der Tagesordnung. Die Unterdrückung der Proteste durch die Staatsgewalt forderte sozialen Organisationen zufolge vier Menschenleben; dazu kamen Anklagen wegen Menschenrechtsverletzungen.

Steigende Staatsverschuldung

In wirtschaftlicher Hinsicht sieht Ecuador sich mit hohen Lebenshaltungskosten konfrontiert. Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer*innen sind im informellen Sektor beschäftigt. Zwar zeigen bestimmte makroökonomische Indikatoren zur Entwicklung wirtschaftlicher Sachverhalte ein Wachstum an, doch die Unsicherheit in weiten Teilen der Bevölkerung bleibt. Im September 2025 erreichte die Staatsverschuldung 89,5429 Milliarden US-Dollar, was etwa 67 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht und Mittel schluckt, die eigentlich für Gesundheit, Bildung und Sicherheit vorgesehen gewesen wären. Expert*innen warnten vor den Folgen eines weiteren Anstiegs der Staatsverschuldung, insbesondere gegenüber Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF). In der letzten Woche des Jahres versicherte Präsident Noboa beharrlich, dass Ecuador "einen Prozess der wirtschaftlichen Erholung und Stabilität" durchlaufe, und warf seinen Gegnern vor, "ein zerstörtes Land" dem Verlust von politischem Einfluss vorzuziehen.

Präsident bleibt von seiner Politik überzeugt

Dem Präsidenten zufolge gibt es Indikatoren, die seine Amtsführung stützen, wie zum Beispiel einen Rückgang der Armut auf 20,5 Prozent, eine Inflation von 1,2 Prozent und eine bessere Einstufung des Länderrisikos, ebenso wie höhere Umsätze, Bankeinlagen und steigende Exporte. Diese offizielle Darstellung steht jedoch im Gegensatz zur Wahrnehmung der Bürger*innen, von denen im November kaum 36,3 Prozent einer angemessenen Beschäftigung oder einer Vollbeschäftigung nachgingen, bei denen Unsicherheit zum Alltag gehört und das öffentliche Gesundheitswesen sich in der Krise befindet. In diesem zu Ende gehenden Jahr gab es häufig Nachrichten über Versorgungsengpässe bei Medikamenten und Material oder Dienstleistungen in Krankenhäusern, Patient*innen ohne angemessene Versorgung und eine Kürzung des Budgets. Bei den Präsidentschaftswahlen im Mai konnte sich Noboa erneut behaupten. Allerdings zeigte das Referendum im November die Unzufriedenheit mit seiner Amtsführung. Hierbei stimmte die Bevölkerung gegen alle vier von der Regierung vorgelegten Fragen, darunter kontroverse Themen wie die mögliche Einrichtung ausländischer Militärstützpunkte zur Unterstützung der Verbrechensbekämpfung und die Möglichkeit einer neuen Verfassung.

Ecuador beginnt das Jahr mit Spannungen, drängenden sozialen Forderungen und zunehmender Gewalt. Ungeklärt bleibt, welchen Kurs das Land einschlagen muss, um Stabilität, Beteiligung und Gerechtigkeit für die Bevölkerung zu gewährleisten.


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Link zum Originalartikel:
https://www.prensa-latina.cu/2025/12/31/ecuador-dice-adios-al-2025-ano-mas-violento-de-su-historia/


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Quelle:
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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 9. Januar 2026

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