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Chile
Sicherheit und Migration sind zentrale Themen des Wahlkampfs
von Ute Löhning
(Chile, 9. Dezember 2025, poonal) - Am 14. Dezember haben die Chilen:innen José Antonio Kast zum nächsten Präsidenten gewählt. Der Gründer und Vorsitzende der extrem rechten Republikanischen Partei erzielte etwa 58 Prozent der Stimmen in einer Stichwahl gegen die linke Kandidatin Jeannette Jara von der Kommunistischen Partei. Sie trat für das Mitte-Links-Bündnis Unidos por Chile an und erreichte 42 Prozent der Stimmen.
In der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen [1] am 16. November in Chile hatte Jara mit knapp 27 Prozent noch drei Punkte vor Kast gelegen. Gleichzeitig hatten rechte und extrem rechte Kräfte zusammengerechnet im Senat und der Abgeordnetenkammer jeweils rund die Hälfte der Stimmen erzielt.
Der Wahlkampf und auch die öffentlichen Debatten der letzten Monate wurden vor allem vom Thema Sicherheit geprägt. Oft wird Sicherheit in einem Atemzug mit Migration genannt und mit dieser quasi gleichgesetzt.
Im Estadio Nacional in Santiago, dem Stadion, in dem nach dem Putsch 1973 ein Haft- und Folterzentrum eingerichtet, Tausende Gefangene gefoltert und viele ermordet wurden, ist an diesem Tag ein großes Wahllokal eingerichtet. Hier gibt auch die 65-jährige Mónica Bravo ihre Stimme ab. Sie vertreibt Naturkosmetika und lebt in dem relativ gut situierten Stadtteil Ñuñoa. "Das wichtigste Thema ist für mich Ordnung und Sicherheit", erklärt sie. Die Kriminalität sei "schrecklich" geworden, man könne kaum noch auf die Straße gehen. "Bis sieben Uhr können wir gerade noch Brot kaufen gehen, danach geht niemand mehr raus", sagt sie. "Man kann wegen jeder Kleinigkeit ermordet werden."
Zwar haben weder sie selbst noch ihr nahe stehende Personen Übergriffe erlebt. Aber sie sehe das täglich im Fernsehen. Auch im Bus und auf der Straße habe oft beobachtet, wie Handys gestohlen oder Dinge aus Handtaschen geraubt wurden. Dabei sähen manche Täter "gar nicht so aus wie Diebe", so Mónica Bravo.
Tatsächlich haben gewalttätige Übergriffe, Entführungen und Tötungsdelikte in den vergangenen Jahren zugenommen, häufig im Zusammenhang mit der Ausbreitung von Drogen-Kriminalität oder dem vermehrten Einsatz von Waffen. "Der Zugang zu Schusswaffen führt zu neuen Formen von Gewaltverbrechen", erklärt Karina Nohales von der feministischen Dachorganisation Coordinadora Feminista 8 de Marzo. Es sei leichter geworden, jemanden umzubringen. "Allerdings stärken gerade die politischen Kräfte, die versprechen, gegen die Kriminalität vorzugehen, oft die Verbreitung von Waffen - was wiederum zu mehr Gewalt führt", betont die Feministin. Sie sieht darin ein globales Phänomen.
Eine Studie [2] des chilenischen sozialwissenschaftlichen Instituts FLACSO zeigt, dass die Zahl der Angriffe mit Todesfolge zwischen 2018 und 2023 von 4,5 auf 6,3 Fälle pro 100.000 Einwohner gestiegen ist. Im lateinamerikanischen Vergleich liegt Chile weiterhin am unteren Ende der Gewaltstatistik. Die Studie weist auch nach, dass die gefühlte Bedrohung sehr hoch ist. In keinem anderen Land ist die Diskrepanz zwischen den registrierten Zahlen von gewalttätigen Übergriffen und der individuell empfundenen Unsicherheit und Angst so groß wie in Chile.
Für Daniel Negrete stehen soziale Fragen im Mittelpunkt. Er lebt in Puente Alto, einem sozioökonomisch schwächeren Sektor im Südosten Santiagos und ist mit seiner Mutter und der Familie ins Wahllokal gekommen. Wenn die sozialen Probleme nicht gelöst würden, sei nichts geschafft, sagt er, den Kriminalität sie doch "das Ergebnis eines Systems, das nicht funktioniert".
Es sei keine Lösung, mehr Gefängnisse zu bauen, die Grenzen dicht zu machen, Bomben und Minen einzusetzen. Sondern es gehe um gute Bildung, Gesundheitsversorgung, Sportplätze und andere öffentliche Räume. "All das gibt es hier nicht. Alle klagen darüber, aber niemand kümmert sich um die Ursachen", kritisiert Negrete.
Doch solche Stimmen sind selten geworden. Die allgemeine soziale Unzufriedenheit, die 2019/2020 noch in eine breite soziale Bewegung mündete, äußert sich heute weniger als Kritik an dem neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem viele Menschen sich keine gute Bildung oder Gesundheitsversorgung leisten können und Löhne und Renten sehr niedrig sind. Sie drückt sich stattdessen häufig in Frust und Verzweiflung, in Wut auf den Staat und die Politik, in nationalistischen Tönen und in Rufen nach einem radikalen Wandel und einer starken Hand aus.
Dieser Stimmung nuzte vor allem der Populist Franco Parisi von der "Partei der Leute" (PDG, Partido de la Gente), der mit fast 20 Prozent auf Platz drei der Präsidentschaftswahl landete. Außerdem profitierte von dem Sicherheitsdiskurs und der aufgeladenen Stimmung die politische Rechte, am stärksten José Antonio Kast, der deutschstämmige Sohn eines Wehrmachtssoldaten und NSDAP Mitglieds, dessen Familie eng mit der chilenischen Diktatur verbunden war. Kast kam ursprünglich aus der Pinochet-Nachfolge-Partei UDI. 2019 gründete er die noch weiter rechts stehende Republikanische Partei Chiles. Nach 2017 und 2021 trat er nun zum dritten Mal als Präsidentschaftskandidat an. Mit seinen 23,93 Prozent der Stimmen lag er nur knapp hinter Jeannette Jara aus der Kommunistischen Partei, die das Mitte-Links-Bündnis Unidad por Chile vertritt. Beide treten am 14. Dezember in einer Stichwahl direkt gegeneinander an.
Auch Jara vertritt einen sicherheitspolitisch härteren Kurs, fordert Abschiebungen und die Abschottung der Grenzen. Sie verbindet diesen Diskurs allerdings mit Forderungen nach sozialer Absicherung. Für die Stichwahl nahm sie auch Forderungen von anderen Kandidat:innen auf, wie die Senkung von Mehrwertsteuern auf Medikamente, oder eine Obergrenze von umgerechnet 5.000 Euro für Gehälter von Regierungsmitgliedern.
Nach der ersten Wahlrunde hatten die anderen Rechtsaußen-Kandidat:innen Evelyn Matthei von der UDI und Johannes Kaiser von der National-Libertären Partei (PNL) ihre Unterstützung für Kast erklärt und einen Sieg der extremen Rechten damit ermöglicht. Denn zusammen hatten diese drei Kandidat:innen in der ersten Wahlrunde rund 50 Prozent der Stimmen erhalten.
Karina Nohales sieht in dieser Entwicklung einen historischen Wendepunkt, sie sagte schon vor der Stichwahl voraus, was so auch eintrat: "Höchstwahrscheinlich wird Chile in den nächsten vier Jahren von einem Bündnis rechter Parteien regiert werden, angeführt von einem extrem rechten, pinochetistischen Flügel", sagt sie. Dieses Spektrum existiere zwar seit langem, "es ist aber noch nie durch eine Wahl der Bevölkerung und mit einer relativ breiten sozialen Basis an die Regierung gekommen". Begünstigt worden sei dieser Aufstieg sowohl durch ein globales Erstarken der extremen Rechten als auch durch ein innenpolitisches Klima permanenter Ablehnung der amtierenden Regierung und durch einen sehr wirksamen Antikommunismus in den Medien.
Kast steht für marktradikale Positionen, für eine Rückorientierung auf pinochetistische Positionen und für einen patriarchalen Backlash. International ist er eng mit der extremen Rechten vernetzt. Zwischen 2022 und 2024 stand er dem religiös-konservativen Political Network for Values vor und tritt regelmäßig bei Veranstaltungen der spanischen VOX-Partei oder der konservativen CPAC auf, die aus dem Umfeld der US-Republikaner stammt. Auf der CPAC in Budapest im Mai 2025 sprach er von einem "Kreuzzug" gegen illegale Migration und kündigte an, Menschen ohne Aufenthaltsstatus "das Leben so schwer wie möglich" machen zu wollen. "Diese Leute sollen weder arbeiten noch Unterstützung erhalten können und auch kein Geld mehr ins Ausland schicken", so Kast.
Konkrete Vorbereitungen für die Umsetzung dieser Politik laufen bereits an. Im September tauschte sich Kast [3] bei einer Italienreise mit der dortigen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni über deren Abschottungspolitik aus. Außerdem besuchte er das Mega-Gefängnis CECOT in El Salvador, in dem Tausende Gefangene unter unmenschlichen Bedingungen gehalten werden. Kürzlich empfing er in Chile auch den salvadorianischen Sicherheits- und Justizminister, Gustavo Villatoro [4], um aus den Erfahrungen El Salvadors im sogenannten Kampf gegen organisierte Kriminalität und im Betreiben des ausgedehnten Gefängnissystems zu lernen.
Nach der Wahl von Kast, könnte auch Chile in Konflikt mit Rechtsstaat und Demokratie geraten. Vor allem aber könnte der zukünftige Präsident mühsam erkämpfte soziale Errungenschaften in der Bildung und Gesundheitsversorgung wieder abschaffen. Ohnehin droht mit Kast - wie in den USA - ein Rachefeldzug gegen politische Gegner.
Dieser Artikel wurde am 15.12., am Tag nach der Stichwahl um die
Präsidentschaft in Chile aktualisiert.
Anmerkungen:
[1] https://www.npla.de/thema/politik-gesellschaft/jara-knapp-vorn-truebe-aussichten-fuer-stichwahl/
[2] https://flacsochile.org/mano-dura-en-america-latina/
[3] https://elpais.com/chile/2025-09-15/jose-antonio-kast-se-reune-con-giorgia-meloni-para-inspirarse-en-su-politica-migratoria.html
[4] https://radio.uchile.cl/2025/11/30/ministro-de-bukele-ningun-asesino-saldra-caminando-de-nuestras-carceles-y-ofrece-su-modelo-a-kast/
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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 19. Dezember 2025
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