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IZ3W/222: Rezension - "Nord-Süd-Beziehungen im Umbruch"


iz3w - informationszentrum 3. Welt - Ausgabe Nr. 319 - Juli/August 2010

AutorInnen aus der Provinz schreiten voran

Von Friederike Habermann


»Es gibt Sammelbände, die den Wissensstand und die Debatten zu einem Themenfeld nicht nur darstellen, sondern auch vorantreiben wollen.« Dieser Hinweis im Vorwort des Herausgebers Hans-Jürgen Burchardt ist Programm: Das Buch Nord-Süd-Beziehungen im Umbruch möchte, so der Untertitel, »neue Perspektiven auf Staat und Demokratie in der Weltpolitik« beleuchten. Als Leitmotiv kann ein Postulat des bengalischen Historikers Dipesh Chakrabarty verstanden werden: »Europa provinzialisieren«. Das Buch ist ein weiterer Versuch, sich aus der eurozentristischen Evolutionslogik in der Wissenschaft zu befreien. Burchardt hat hierfür AutorInnen versammelt, die zu einem großen Teil wissenschaftlich interessierten Linken bekannt sind. Einige sind aber auch dem Mainstream zugehörig, wie etwa Lars Brozus und Thomas Risse vom Berliner Sonderforschungsbereich 700 (»Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit«), der schon zum Ziel von Demonstrationen herrschaftskritischer Linker wurde. Ganz bewusst, so heißt es in dem Vorwort des Kasseler Professors für internationale und intergesellschaftliche Beziehungen weiter, seien verschiedene und sogar konträr argumentierende Betrachtungen mit aufgenommen worden.

Der in zwei Beiträgen vorgestellte eigene Ansatz von Burchardt analysiert Abweichungen von Staat und Demokratie in Ländern des Globalen Südens gegenüber westlicher Staatlichkeit nicht als (partielle) Abwesenheit eines liberalen Ideals, sondern als reale Gegenständlichkeit politischer Herrschaft. Den realen Evidenzen der Staaten des Südens folgend könnten auf diese Weise soziale Felder analysiert werden, welche diachron zur Staatlichkeit liegend Räume bildeten, in denen um gesellschaftliche Teilhabe gerungen wird - anstatt solche 'Grauzonen' als 'Defekte' der Demokratie zu verstehen. Gleichzeitig sei die Einführung eines Mehrparteiensystems nicht generell mit einer für alle sozialen Gruppen erhöhten Repräsentanz verbunden. Burchardt betont, dass dies durchaus nicht nur für periphere Staaten gilt, denn auch im europäischen Staat war und ist die Inklusion von BürgerInnen immer mit Ausschlüssen verbunden: von Frauen, MigrantInnen, weniger Gebildeten etc.

Nicht alle AutorInnen beschäftigen sich schon lange oder gar ausschließlich mit dem Globalen Süden. Einige versuchen erstmals ihre mit Bezug auf den Norden entwickelten Kategorien hierfür aufzubereiten. Zu diesen gehört der marxistische Soziologe Bob Jessop und sein 'strategisch-relationaler Ansatz'. Als materielle Verdichtung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse im Staat (nicht zuletzt zwischen Kapital und Arbeit) entfalte jede Staatsform ein bestimmtes Regime strategischer Selektivität, worin sich ungleiche Einflussmöglichkeiten der verschiedenen sozialen Akteure institutionell verfestigten. Obwohl Staaten »polymorph« seien, unterscheidet Jessop grundsätzlich zwischen »kapitalistischem Staatstyp« und »Staaten in kapitalistischen Gesellschaften«. Bei Letzteren dienten die strategischen Interessen im Allgemeinen nicht direkt dazu, Kapitalinteressen zu realisieren, sondern basierten auf offenen Auseinandersetzungen der politischen Kräfte.

Gegen diesen »analytischen Trick«, es gebe »kapitalistische Gesellschaften«, die keine kapitalistischen Staaten seien, wendet sich Heide Gerstenberger, emeritierte Professorin für Theorie der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates an der Uni Bremen. Die Staatsgewalt sub-saharischer afrikanischer Länder passe schlicht nicht in die bislang entwickelte marxistische Staatstheorie. Für sie ist die dortige Staatsgewalt ein Element des globalen Kapitalismus, das nicht als nationale Erscheinung analysiert werden sollte.

Neben dieser Debatte über »Staat und Demokratie« versammelt das Buch verschiedene Aspekte zu »Weltpolitik«. Drei seien hier genannt: Renate Mayntz, ehemalige Direktorin des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, diskutiert neue theoretische Anforderungen an nachhaltige Entwicklung. Kristina Dietz widmet sich den strukturell ungleichen Partizipationsbedingungen hinsichtlich der Klimaproblematik sowohl auf der internationalen sowie - an den Beispielen Nicaragua und Tansania - auf nationalen und subnationalen Ebenen. Noémi Lendvai und Paul Stubbs verfolgen die Binarität, die zwischen 'Sozialpolitik' (im Norden) und 'Entwicklung' (im Süden) diskursiv gesetzt wird und konfrontieren (sozial-)politische Praktiken mit den postkolonialen Schlüsselbegriffen Dislokation, Disziplinierung und Depolitisierung. Angesichts des herrschenden wissenschaftlichen Eurozentrismus ist dieses Buch eine vorwärtsweisende Intervention. Der nächste Schritt zur Erfüllung des Anspruchs wäre dann, AutorInnen zu versammeln, die aus einer anderen Provinz als der europäischen stammen.


Hans-Jürgen Burchardt (Hg.):
Nord-Süd-Beziehungen im Umbruch. Neue Perspektiven auf Staat und Demokratie in der Weltpolitik
Campus, Frankfurt/M 2009. 336 Seiten, 34,90 Euro


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Inhaltsverzeichnis iz3w Nr. 319 - Juli/August 2010


Themenschwerpunkt:
Independence Cha Cha - 50 Jahre postkolonoiales Afrika

2010 ist in Afrika nicht nur wegen der Fußball-WM ein ganz besonderes Jahr: 17 afrikanische Staaten feiern den 50. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit und ziehen aus diesem Anlass eine vorläufige Bilanz der postkolonialen Ära. Doch wer glaubt, 50 Jahre Unabhängigkeit von den europäischen Kolonialisten würden in den jeweiligen Ländern durchweg euphorisch gefeiert, irrt. Zwar gibt es durchaus Versuche seitens der Regierungen, an den jeweiligen Independence Days groß angelegte Jubelfeiern zu lancieren. Doch sie schlagen fehl, da große Teile der Bevölkerung keineswegs zufrieden sind mit der Bilanz von 50 Jahren formaler Unabhängigkeit. Die postkoloniale Ära ist bis zum heutigen Tag außerordentlich bewegt. Afrika gilt als der Kontinent der failed states, der Genozide, der Warlords, der Armut und des Hungers - nicht immer zu Recht, aber auch nicht zu Unrecht.

Mit unserem Themenschwerpunkt wollen wir einige Schlaglichter auf die unvollkommen gebliebene postkoloniale Unabhängigkeit werfen - in der Hoffnung, dass die nächsten 50 Jahre zu einer Ära der Freiheit in Afrika werden.


Themen des Schwerpunkts:
Was ist neu am Neokolonialismus - Formelle und informelle Herrschaft im unabhängigen Afrika + Eine sanfte Plünderung - Gibt es einen "New Scramble for Africa"? + Mit den Füßen im Schlamm - Frankreich und seine subalternen Zöglinge + Im weißen Jeep durch Tansania - Was Entwicklungshelferinnen von der deutschen "Schutztruppe" unterscheidet + Feuer in seiner Spur - Ist die Krise in der DR Kongo eine Folge des (Neo-)Kolonialismus?+ Eine vitale Fehlkonstruktion - Nigerias Umgang mit kolonialem Erbe + Schlechte Aussichten für Autokraten - In Kenia soll eine neue Verfassung postkoloniale Strukturen überwinden + Radikalisierte Identitäten - Der Genozid in Ruanda und seine (post- )koloniale Vorgeschichte + "Not make us plenty trouble!"- Warum hängt der Tangué aus Kamerun im Münchner Völkerkundemuseum?


INHALTSÜBERSICHT

Hefteditorial: Party feiern oder Zeche zahlen?


Politik und Ökonomie

Chile: Stolz fühlen
Die Unabhängigkeitsfeiern schüren den Nationalismus
von Sebastian Sternthal

Namibia: Namibia at 20
Eindrücke von den Unabhängigkeitsfeiern
von Godwin Kornes

Iran: Eritrea: Gebrochene Versprechen
In Eritrea wurde die Hoffnung auf Freiheit enttäuscht
von Eva-Maria Bruchhaus und Gaim Kibreab

Thailand: Tumult in Thailand
Die doppelte Tragödie der oppositionellen Rothemden
von Oliver Pye

Zentralasien: Tal der Grenzen
Im Ferghana-Tal bestimmen Grenzziehungen das Alltagsleben
von Wladimir Sgibnev

Türkei: Licht im Herzen
Wie sich der türkische Staat unter Premier Erdogan seine Diaspora denkt
von Jan Keetman


DOSSIER: AFRIKA POSTKOLONIAL

Editorial: Afrika Postkolonial

Was ist neu am Neokolonialismus?
Formelle und informelle Herrschaft im unabhängigen Afrika von Reinhart Kößler

Eine sanftere Plünderung
Gibt es einen postkolonialen »New Scramble for Africa«?
von Henning Melber

Mit den Füßen im Schlamm
Frankreich und seine subalternen Zöglinge in Afrika
von Bernhard Schmid

Im weißen Jeep durch Tansania
Was EntwicklungshelferInnen von der deutschen »Schutztruppe« unterscheidet
von Wolf Kantelhardt

Feuer in seiner Spur
Ist die Krise in der DR Kongo eine Folge des (Neo-)Kolonialismus?
von Alex Veit

Eine vitale Fehlkonstruktion
Nigerias selbstbewusster Umgang mit seinem schwierigen kolonialen Erbe
von Axel Harneit-Sievers

Schlechte Aussichten für Autokraten
In Kenia soll eine neue Verfassung die verhärteten postkolonialen Strukturen überwinden
von Martina Backes

Radikalisierte Identitäten
Der Genozid in Ruanda und seine (post-)koloniale Vorgeschichte
von Kolja Lindner

»Not make us plenty trouble!«
Warum hängt der Tangué aus Kamerun im Münchner Völkerkundemuseum?
von der Gruppe »Transnationale Genealogien«


KULTUR UND DEBATTE

Postkolonialismus: Spurensuche light
ZDF-Historiker Guido Knopp scheitert an der deutschen Kolonialgeschichte
von Joachim Zeller

Film: Balkan Queer Pride
Das Frauenfilmfestival Dortmund/Köln 2010 hatte den Schwerpunkt Südosteuropa
von Ulrike Mattern

Dissidenz: Nicht immer ganz einfach
Ein »Nachruf« auf den chinesischen Aids-Aktivisten Wan Yanhai
von Dirk Reetlandt

Debatte: Der dritte Zauberkasten
Mit »Common Wealth« geben Negri/Hardt der Linken neues Futter
von Gerhard Hanloser

Rezensionen, Tagungen & Kurz belichtet


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Quelle:
iz3w Nr. 319 - Juli/August 2010
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veröffentlicht im Schattenblick zum 4. August 2010