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BUCHBESPRECHUNG/278: Aldous Huxley - Zeit der Oligarchen. Über Wissenschaft, Freiheit und Frieden (Klaus Ludwig Helf)


Aldous Huxley

Zeit der Oligarchen


Über Wissenschaft, Freiheit und Frieden

von Klaus Ludwig Helf, Januar 2026


Der im Jahr 1932 erschienene dystopische Roman Schöne neue Welt ist die weltweit berühmte und vielzitierte Veröffentlichung des britischen Schriftstellers und Philosophen Aldous Leonard Huxley (1894-1963). Weniger bekannt ist, dass er zahlreiche Kurzgeschichten, Gedichte, Reiseberichte und Drehbücher geschrieben hat. Erst jetzt wurde sein bereits 1946 veröffentlichter Essay entdeckt, den er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und unter dem Eindruck des Abwurfs der ersten Atombomben schrieb. Der Hanser Verlag hat jetzt eine neue deutsche Übersetzung mit dem aktualisierenden Zusatz "Zeit der Oligarchen" herausgegeben. In seiner zeitdiagnostischen Bilanz stellt er eine "ungeheuerliche Ausweitung staatlicher, technischer, ökonomischer und propagandistischer Machtmittel" fest, die von kleinen Gruppen von demokratischen wie despotischen Machthabern gesteuert würden.

Sein Essay ist nicht nur eine kritische Analyse von anwachsenden Machtstrukturen, sondern auch eine Streitschrift für mehr persönliche und gesellschaftliche Autonomie und Selbstbestimmung und für die umfassende Dezentralisierung politischer Entscheidungen, für die Regionalisierung und Vergesellschaftung industrieller, landwirtschaftlicher Produktion und Energiegewinnung einerseits - andrerseits gegen oligarchische Macht- und Finanzkonzentrationen, gegen Chauvinismus und Nationalismus, gegen Massenproduktion, Hochrüstung und Kriegswirtschaft und gegen fossile Energiegewinnung. Huxley warnte bereits 1946 fast hellsichtig vor den Gefahren eines ethisch und demokratisch unreflektierten und unkontrollierten Auswucherns einer global agierenden High-Tech-Oligarchie, vor dem fortschreitenden Verlust der bürgerlichen Freiheiten, der persönlichen Autonomie und der Selbstbestimmung.

Seit dem 19. Jahrhundert stelle vor allem die angewandte, naturwissenschaftlich-technisch orientierte Wissenschaft der herrschenden Oligarchie "wirkungsvolle Zwangs- und Überzeugungsmittel" unkontrolliert und willfährig zur Verfügung und trage damit direkt zur weiteren Konzentration der politischen, wirtschaftlichen und medialen Macht in den Händen von Wenigen bei, so die Hauptthese des Autors. Er kann sie eindrucksvoll mit vielen Beispielen belegen. So seien die Ergebnisse der Wissenschaft verwendet worden, das System der Massenproduktion und -distribution in Industrie und Landwirtschaft immer raffinierter und spezialisierter zu gestalten mit dem erklärten oder impliziten Ziel, die Zentralisierung der Macht in Finanzwelt, Produktion und Staat weiter voranzutreiben. Der kontinuierliche Fortschritt von Wissenschaft und Technik habe auch das "vorherrschende geistige Klima zutiefst beeinflusst". Sie verkündeten, die Welt schreite materiell, geistig und moralisch stetig voran, und diese Höherentwicklung sei in gewisser Weise unvermeidlich:

"Die Theorie des Fortschritts - die bald zum Dogma und Grundsatz des populären Denkens wurde - war neu und aus orthodox christlicher Sicht Ketzerei ... Der Glaube an den universellen Fortschritt basiert auf dem Wunschdenken, dass etwas umsonst zu haben ist. Dahinter steht die Annahme, dass Gewinne auf einem Gebiet nicht mit Verlusten auf einem anderen bezahlt werden müssen" (S. 38/39).

Mit der unentwegten Propagierung einer "goldenen Zukunft" für die Menschheit hätten linke wie rechte Autokraten ihre schlimmsten Gräueltaten gerechtfertigt. Dabei sei doch aus der Analyse der Geschichte der Menschheit eindeutig klar, dass man die Zukunft nicht vorhersehen könne und dass die Wirklichkeit oft vollkommen anders aussehe, als wir es erwartet hätten:

"Jeder Glaube an ferne hypothetische Ereignisse ist daher vollkommen unrealistisch. In der Praxis ist der Glaube an eine größere und bessere Zukunft einer der mächtigsten Feinde einer Gegenwart in Freiheit; denn die Mächtigen fühlen sich gerechtfertigt, den Menschen die schrecklichste Zwangsherrschaft zuzumuten im Namen der fiktiven Früchte, die ihre Tyrannei (der Fortschrittsglaube weiß warum) vielleicht im 21. oder 22. Jahrhundert bringen wird" (S. 40).

Huxley belässt es nicht nur bei der scharfsinnigen geopolitischen Analyse, sondern entwickelt erstaunlich aktuelle Zukunftsvisionen. So setzt er bei der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Energie auf dezentrale, autarke Strukturen für Industrie, Landwirtschaft und Transport. Da der internationale Wettstreit um die lokalen Ölvorkommen eine "nahezu unwiderstehliche Versuchung für Imperialismus und Krieg darstellen" fordert Huxley die Wissenschaften aus politischen und ökologischen Gründen dazu auf, möglichst rasch effektive, speicher- und transportfähige, dezentrale Alternativen im Bereich der Wind-, Sonnen- und Wasser-Energie, insbesondere auch effektive Batterien zu entwickeln.

Ein hochgradig zentralisierter Staat könne es sich kaum leisten, auf Militarismus oder Kriegsandrohungen zu verzichten, daher fordert Huxley ein radikales Umlenken:

"Das ist ein weiteres Argument für die Teilung und Dezentralisierung der Macht, von Politik und Wirtschaft und wo immer möglich die Beseitigung zentralisierter Massenproduktion und -distribution durch regionale genossenschaftliche Erzeugnisse und staatlicher Intervention und Kontrolle durch kooperative Selbstbestimmung" (S. 80).

Huxley hat mit seinem brillant und federleicht geschriebenen Essay den Nerv der Nachkriegszeit getroffen und dabei treffsichere, scharfsinnige Analysen geleistet und Zukunftsideen entwickelt, die auch heute noch aktuelle Brisanz und Potenzial haben.


Aldous Huxley:
Zeit der Oligarchen.
Über Wissenschaft, Freiheit und Frieden.
Carl Hanser Verlag, München 2025
Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
gebunden, 96 Seiten, 14,00 EUR
ISBN 978-3-446-28723-5

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Quelle:
© 2026 by Klaus Ludwig Helf
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 16. Januar 2026

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